Hier in Frankfurt an der Oder habe ich studiert und dabei auch diese Stadt ins Herz geschlossen. Sie ist nicht ganz so schön wie Weimar, aber es gibt viele Kleinode und Schmuckstücke aufzustöbern. Ein Teil von mir wird immer hier sein. Der Text ist ein Blick in die Geschichte: In eine Zeit, in der es noch Grenzübergänge mit Zollbeamten zwischen Deutschland und Polen gab.
Es ist, was es ist
An der Oderpromenade, linkerhand der Brücke mit Blick Richtung Slubice, hat jemand Erich Fried an die Mauer gesprüht. Es ist, was es ist, sagt die Liebe. Jemand, der gute Lyrik nicht nur kennt, sondern sie auch versteht; oder doch fühlt. Verstehen muss man gar nichts. Verstehen wäre schon zuviel, verstehen würde bedeuten, schleunigst die Koffer zu packen und zu gehen, Richtung Westen, Richtung Süden, wohin auch immer.
Verstehen, das wäre ungefähr vergleichbar damit, immer wieder durch die Unterführung am Bahnhof laufen zu müssen. Die Tropfen zu zählen, die einem dabei in den Nacken fallen und den Rücken entlang kriechen, der kurze Moment des Erstarrens, dann der Ekel, dann das Zucken in Nacken und Schultern, mit dem der Körper Abscheu signalisiert. Danach bleiben nur noch eine heiße Dusche und die Flucht.
Hat man erst verstanden, führen die Wege fort. Was man aber fühlen muss, nur fühlen kann, hält einen fest. Der Blick über die Oder, Richtung Osten, Richtung Norden. Ein Ruderboot, in schneller Fahrt stromabwärts. Die Kellen glitzern in der Morgensonne, lassen Wassertropfen aufspringen, die schon Ścinawa und Wroclaw passiert haben und jetzt vielleicht am Brückenpfeiler hängen bleiben und verdunsten, ohne jemals das Meer zu erreichen. Aber der Norden ist nah, Szczecin ist nah. Ich würde es gern einmal sehen, richtig sehen, eine Woche lang oder zwei. Und dann müsste mir einer erklären, wie man so viele Zischlaute hintereinander packen kann, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen.
Da ist also dieses Ruderboot, und dann gibt es noch die weißen Tüten auf der Brücke. Transparent, leicht und flatterhaft, sich weich aufbauschend und leise knisternd, wenn sie leer sind. So hängen sie manchmal in den Büschen am Straßenrand, wie weiße Fähnchen. Aber die hier sind nicht leer. Die sind gefüllt. Weißer Spargel. Die dunkelnden Spitzen schimmern durch das Zellophan. Erdbeeren in Spankörben. Und wieder Tüten. Mohnbrötchen, 25 Cent das Stück. Anderen Beuteln, größeren, sieht man ihren Inhalt nicht an. Die Leute tragen, tragen alles Richtung Westen, an den Zollbeamten vorbei, denen man selten ein Lächeln entlocken kann, wenn man einen Blick auf ihre Gesichter erhascht. Die spiegelnden Scheiben irritieren. Man sieht nur ihre Hände, und auch die nicht ganz; man schaut sich selbst in die Augen und ist verlegen. Der Blick ins eigene Gesicht verwirrt, er bekommt keine Antwort.
Das Ruderboot hat gewendet. Denen ist eingefallen, dass sie den ganzen Weg stromauf wieder zurück müssen. Jetzt haben sie auch den Wind von vorn; Richtung Süden ist eben doch nicht so einfach. Gesprächsfetzen hinter mir. Ein Kind, ein kleines Mädchen, weint. Auf eine herausfordernde, nerven zermürbende Weise. Ich verstehe nicht, was sie unter Tränen formuliert. Ihre Wangen sind zornesrot, die blonden Zöpfe wippen empört. Der Mann, der sie begleitet, ihr Vater vielleicht, sagt etwas zu ihr, ganz gelassen bleibt er dabei. Dann hockt er sich vor sie hin, sagt wieder etwas und verzieht das Gesicht. Das Mädchen lacht. Auch ihre Tränen verdunsten an der Brücke.
Das Ruderboot wird zum Punkt. Ich blinzle in die Sonne, rieche Urlaub, oder denke mir doch, dass Urlaub so riechen könnte. Dabei ist das nur das Wasser, das da unter mir träge fließt, braun und sich kräuselnd. Wie halten die Schwäne ihr Gefieder so weiß?
Die Unterführung am Bahnhof ist weit weg.
Es ist, was es ist, sagt die Liebe.
Text (2003) © Dorit Töpler, Fotos (2009) © Michael und Dorit Töpler