Anmerkung: Meine Reiseberichte beinhalten eher Eindrücke und Empfindungen als hilfreiche Tipps für andere Reisende. Texte im Stil von: "Am Dienstag standen wir um fünf auf und stiegen in den Reisebus, um in ... am ... den Sonnenaufgang anzusehen. Um sieben gab es Frühstück. Danach..." - und so weiter - solche Infos jedenfalls gibt es bei mir nicht, insofern sind die Berichte auch als Planungshilfe für eine Reise kaum geeignet. Sie sind eher... nun, leichte Lektüre. Oder so was. ;o)
_____________________________________________
Lachsfischer im EinsatzWenn man drei Monate in Mexiko Stadt zugebracht hat, ist man weit von dem Gedanken entfernt, es könne hübschere Orte als Frankfurts Stadtteil Neuberesinchen geben (wohlgemerkt, ich spreche von meinem Frankfurt, dem an der Oder – auch dort nämlich kann man sogar einen Plattenbau hübsch finden, wenn man die mexikanischen Slums gesehen hat). Nach zwei Tagen auf dem Uni-Campus in Vancouver, auf einer Landzunge gelegen und praktisch eine Stadt für sich, bietet sich ein Vergleich mit dem geächtetsten Viertel der Oderstadt immerhin an.
Was die Größe betrifft, kommen sich beide ziemlich nahe. Auch sonst ähneln sie sich verblüffend. Anders sind nur Wetter, Strände, Baustil, Landschaftsgestaltung und Vegetation. Man tritt zur Tür hinaus und plumpst in den nächsten Pool, wird von einem tiefschwarzen rastabelockten Inline-Skater niedergemäht oder findet sich in einer krähenden Meute schlitzäugiger Vorschüler wieder. Alles in allem – Frankfurt(Oder) kann doch nicht so ganz mit Vancouver mithalten, und das liegt nicht nur daran, dass der Pazifik ganz weit weg ist. Möglicherweise liegt es an der Art und Weise, wie die Bewohner der beiden Städte miteinander (und mit anderen) umgehen. Was die globale Population betrifft, nahm ich in meiner gewollt toleranten Denkweise bisher immer an, dass alle Menschen eher mehr denn weniger gleich seien. Die kanadische Version unserer Spezies allerdings bedarf einer genaueren Betrachtung.
Man nehme einen Zollbeamten auf dem Flughafen von Toronto und konfrontiere ihn mit der etwas verwirrten und übermüdeten Ausgabe einer deutschen Backpacker-Reisenden, die die Aufgabe hat, ihr Gepäck eigenhändig durch den Zoll zu tragen und danach sofort im nächsten Flieger zu verschwinden. Nach erfolglosem Umherirren und mehrmaligen Herumfragen erscheint unsere gestresste Reisende vor dem Beamten, der sie streng mustert, ihrem Kauderwelsch kopfschüttelnd lauscht und einmal mehr mit einem Fingerzeig in eine andere Richtung weist. “This direction“, ist seine Auskunft. Unsere Reisende bekommt es mittlerweile mit der Angst und dem Zeitdruck zu tun und fragt weinerlich: “And then?“ Der Beamte schaut sie an, wirft die Arme hoch und lacht schallend. “And then? Have fun!“
Man nehme ein Studentenwohnheim auf dem Campus von Vancouver, einen Hausverwalter und ein Zimmer, dessen Schlüssel sich innen und dessen deutsche Bewohnerin sich außen befindet. Der zu Hilfe gerufene Hauswart kommt und hat keinen Zweitschlüssel, aber eine gute Idee. Im prallen Sonnenschein beginnt er, die Außenwand zum glücklicherweise offenen Fenster zu erklimmen. Unserer Bewohnerin ist die ganze Sache peinlich, umso mehr, da ihr Retter in der Not wirklich ins Schwitzen kommt und seine ganze Kraft in dieses Freeclimbing investieren muß. I’m sorry“, flüstert sie verschämt. „Oh no“, lächelt er keuchend, „that’s fine!“
Man nehme einen mäßig gefüllten Bus, eine deutsche Studentin und eine geplatzte Tüte Milch, welche eben ihren Inhalt auf den sauberen Boden und um die Beine der Anwesenden ergießt. Helfende Hände sind sofort zur Stelle und retten, was zu retten ist. Kleider und Taschen werden gesäubert, aber der Boden bleibt in Ermangelung eines Wischtuches, wie er ist: überschwemmt und matschig. Unsere Studentin entschuldigt sich bei den mit angezogenen Beinen dasitzenden Passagieren und beim Busfahrer. „Oh no“, kommt jeweils die Antwort, und sie kommt freundlich, „that’s fine!“
Interessierte werden angehalten, des besseren Verständnisses dieser kleinen Parabel wegen zumindest letzteres Experiment in einer Frankfurter oder Berliner Straßenbahn zu wiederholen.
23. Juli 2002
_____________________________________________________________
Vancouver B.C.'s Chinatown ist eine der größten der Welt außerhalb Asiens... Vancouvers Kreuzberg heißt Chinatown. Wer bisher vom bunten Völkergemisch Berlins beeindruckt bzw. verängstigt war - und wir wissen, dass der überwiegende Teil der deutschen Bevölkerung eher zu letzterem Punkt tendiert, weil wir nun mal so sind, wie wir sind – der sollte ohne Vorinformation ins Zentrum Vancouvers gestellt werden und raten, wo er sich befindet.
Ein Blick in die Statistik Vancouvers zeigt eine Bevölkerungszahl von runden zwei Millionen, Tendenz steigend. Rund 285.000 davon sind Chinesen. Das 3,5-millionenstarke Berlin kann sich mit seinen rund 150.000 türkischen bzw. ehemals türkischen Bewohnern damit getrost unter "ferner liefen" einordnen. Damit keine Langeweile einzieht, vervollständigt sich das bunte Bild mit zusätzlich rund 22.000 Japanern und 17.000 Koreanern, 16.500 Schwarzafrikanern, 41.000 Philippionos, 14.000 Lateinamerikanern, 160.000 Zuzüglern aus dem übrigen Großraum Asien und Arabien und weiteren 16.000, von denen kein Mensch weiß, aus welcher Gegend sie ursprünglich stammen. Bleiben nur noch lächerliche rund 75% in der Statistik für den weißen Mann, der sich den Kontinent ja vor Jahren mal auf rücksichtsvolle Weise angeeignet hat. Trifft man tatsächlich mal einen, handelt es sich mit Sicherheit um einen Europäer, der sich an seiner Canon 500 festklammert und verblüfft feststellt, dass seine Vorstellungen vom nordischen Kanada gerade durch die Mangel gedreht werden.
Setzt man nun in diesem Völkergebräu gewisse – rein von persönlichen Vorlieben gelenkte – ethnische Maßstäbe und berücksichtigt zudem, dass Vancouver eine der florierenden Homosexuellen-Hochburgen dieser Welt ist, kommt man nicht umhin festzustellen, dass unter Umständen nicht gleich der passende Ehemann verfügbar ist, falls man beabsichtigt, in diese zauberhafte Stadt einzuheiraten und damit einige der Einwanderungsklippen elegant zu umfahren (im übrigen eine, wie ich feststelle, recht beliebte Methode). Trifft man mal einen Weißen, der KEIN Tourist ist, hat man mit Sicherheit einen gut aussehenden Schwulen vor sich.
... und das sieht man auch an der kulinarischen Auswahl. Politisch fehlt Vancouver ganz und gar der Glamour. Schlagworte wie „Gelbe Gefahr“ (das vor 70 Jahren mal aktuell war und in Vergessenheit geraten ist), oder „Ausländerproblem“ tauchen im örtlichen Jargon selten auf und rufen beim Befragten bestenfalls ein erstauntes Blinzeln aus auffällig schmalen Augen hervor. Den einen oder anderen Streik halten sich die Bürger "Beautiful British Columbias", wie die Nummernschilder der Autos verkünden, zugute, sie haben auch, fast bin ich erleichtert, es zu bemerken, ihr Quantum an Arbeitslosen und Bettlern; ansonsten wählen die in dieser Hinsicht verwöhnten Kanadier ihre Volksvertreter regelmäßig recht gleichmütig und unpathetisch. Viel falsch gemacht hat hier anscheinend noch kein Politiker. Entscheidet man sich für die gesunde Alternative, in der Zeit des deutschen Wahlkampfes weit, weit weg zu sein, bietet sich Vancouver als Erholungsort demnach nahezu ideal an. Wie die Kanadier ihr offizielles Staatsoberhaupt, die englische Königin, in akzeptabler Distanz wissen, so genieße auch ich es, die momentan aktuelle Bonusmeilen-Affäre und all die Skandale, die noch bis September folgen werden, wenn überhaupt, nur am Rande zu betrachten. God save the Queen!
02. August 2002
_____________________________________________________________
Die Freiheit ist ganz nah...Die beiden Worte, die mir - neben "to laugh", das ich niemals korrekt werde aussprechen können - am meisten zu schaffen machen, sind "low" und "fat". Beide für sich genommen sind sie harmlos; gefährlich werden sie erst, wenn man sie miteinander kombiniert. Sie sind es, die den Gang durch den Supermarkt zu einer gezielten Suche nach wenigstens ein paar gut genährten Kalorien machen. Und als genüge es nicht, dass man als verwöhnter Europäer zwischen den bemitleidenswert mageren Milcherzeugnissen, die sich nach US-amerikanischem Vorbild bis zur "Fat Free"-Version steigern können, ans Verzweifeln gerät, weil man gern mal wieder etwas anderes zu sich nehmen würde als in dicklichem Wasser konservierte synthetische Erdbeerstückchen, werden für diese Anti-Nahrungsmittel auch noch exorbitante Preise verlangt. Ein zweiwöchiger Aufenthalt im Land des roten Ahorns würde die Moral der Euro-Gegner rapide erhöhen. Die Qual steigert sich aber noch, wenn man seine Waren glücklich durch den Scanner gebracht hat. Bevor man den Gesamtpreis erfährt, betätigt der Kassierer einen kleinen, bösartigen Knopf, der auf das Ganze noch einmal 7% Goods & Services Tax draufschlägt (im Volksmund auch als "Gouge & Screw Tax" bezeichnet, was zu Recht soviel wie "Schröpf & Melksteuer" bedeutet).
Dessen ungeachtet ist es eine Freude, zum Barbecue oder zum Sushi-Essen – was dem Deutschen sein Döner, ist dem Kanadier der rohe Fisch – eingeladen zu werden. Das familiäre Grill-Menü in der Farmergegend um Chilliwack besteht aus wunderbaren, goldgelb gebratenen Maiskolben und Do-it-yourself-Hamburgern. Der Tisch steht voller HEINZ- und KRAFT-Flaschen und diversen Schüsseln mit Gemüse, und was die rotwangige Frauenschar durch Schnattern vom Essen verpasst, machen die eben von der Stall- und Feldarbeit heimgekehrten schweigsamen, bärtigen Farmer durch ihre Obelix-Portionen wieder wett.
Chilliwack, zweieinhalb Stunden von Vancouver entfernt, ist keine echte Farmgegend mehr; zu viele noble Eigenheime haben sich mittlerweile angesiedelt. Aber noch gibt es die großen Höfe, die Kornspeicher und den Landgeruch. Und auch Chilliwack besticht durch eine ethnische Vielfalt, die in bäuerlich-bayerischen Monokulturen undenkbar wäre: am Steuer eines rumpelnden Traktors kommt mir, den rosa Turban sorgfältig gebunden, ein dunkelhäutiger Hindu entgegen.
Vancouver B.C. ist nicht nur bei Nacht ein ErlebnisMit wildfremden Menschen ins Gespräch zu kommen ist ohne Frage leichter als in Deutschland, weil der Großteil der Kanadier beim Gehen nicht nur nach unten oder geradeaus starrt, sondern mit Vorliebe die Blicke anderer Leute sucht. Ganz besonders amüsant ist es, sich, angetan mit dem knallroten Frankfurter "Paradiesseits!"-Shirt, auf eine Bank am Wegesrand zu setzen. Der Kanadier von nebenan ist nicht nur das Gegenteil von schüchtern, sondern wird auch nervös, wenn er etwas nicht versteht, und so kann es passieren, dass das vorbeiflanierende Rentnerpärchen oder der Familienvater samt Sprössling stehenbleiben und sich ebenso ernsthaft wie freundlich erkundigen: "Hey Girl, what's written on your shirt?". Und sie fragen nicht nur so dahin, diese Kanadier, sie wollen es TATSÄCHLICH wissen. Auf diese Weise habe ich bereits einem nicht unbeträchtlichen Teil der Vancouver Bevölkerung die Existenz des kleinen Frankfurts neben dem großen nahe gebracht, und ich habe es gern getan.
Was meine Allgemeinbildung betrifft, so habe ich nach eingehender bilingualer Lektüre endlich herausgefunden, weshalb die deutschen Versionen der Pratchett'schen Bücher dicker und umfangreicher sind als die englischen Originale. Mich wundert das nicht mehr, seit ich entdeckt habe, dass ein Satz wie "So are they" mit "Und für jemanden, der nichts zu lachen hat, gibt es keinen Grund, fröhlich zu sein" übersetzt wird oder die Bemerkung "Telling him the truth would be like kicking a spaniel" seine deutsche Entsprechung findet in "Wenn ihm jemand die Wahrheit sagte, mochte er wie ein kleines Kind reagieren, dem man erzählte, in Wirklichkeit sei der Weihnachtsmann längst in Pension gegangen und ließe sich von seinem jüngeren Bruder vertreten (der jedoch ein Faulpelz war und es vorzog, den Winter irgendwo in den Tropen zu verbringen - aus diesem Grund mussten dauernd die eigenen Väter einspringen)". Nun ja. Anscheinend ist Andreas Brandhorst, der für solche Übersetzungen verantwortlich zeichnet, noch fantasievoller als Terry Pratchett selbst. Was der Qualität der Bücher keinen Abbruch tut. Im Gegenteil.
Mein Englisch jedenfalls nimmt langsam, aber sicher, wie ich hoffe, zivilisierte Formen an. Und "langsam" heißt: Ich werde weiterhin den Original-Pratchett lesen. Und ich werde noch oft mein "Paradiesseits!"-T-Shirt anziehen müssen.
20. August 2002
_____________________________________________________________
In Victoria, der Hauptstadt British Columbias, geht es sehr kontinental zu. Auffällig an Vancouver ist, dass ich bei meinen intensiven Streifzügen noch keinem einzigen Bestattungsinstitut begegnet bin. Im Gegensatz zu Mexiko, wo man praktisch in jedem Gemüseladen in einen offenen Sarg purzelt, wirkt die absolute Abwesenheit dieser Etablissements hier geradezu beängstigend. Möglicherweise sterben die Leute hier seltener oder überhaupt nicht, und diese Vorstellung passt ganz und gar in das perfekte Bild, das ich mir von dieser Stadt gemacht habe.
Ganz besonders umwerfend ist die Information, dass die Serie „21 Jump Street“, die Freude meiner Jugendjahre und die gelegentliche nostalgische Rückkehr in schwärmerische, unschuldige Zeiten, in Vancouver gedreht wurde. Der im Vorspann auftauchende Bus mit dem leuchtenden „Hastings“ war mir schon vorher geläufig; dass es sich dabei aber um MEIN Hastings handelt, diese etwas schmuddelige, ewig lange Straße zwischen Chinatown und dem Pacific Harbour Centre mit seinen zwielichtigen Gestalten, seinen Huren, seinen staunenden Touristen der weißen Ozeankreuzer, seinen vergammelten Kneipen und sündhaft teuren Geschäften – diese Erkenntnis lässt dem Touch der Romantik längst verflossener Teenagerzeiten nun auch noch das Gefühl angedeihen, tatsächlich dort hineinzugehören; ein wenig nur, aber das immerhin. Booker und die anderen schicken Jungs im hinreißenden Outfit der 80er werden lebendig, und fast warte ich darauf, dass einer der Umstehenden einen Stern blitzen lässt und sich als Uncercover-Agent outet.
Das alles macht es nicht leichter, diese Stadt zu verlassen. Vancouver ist das, was man in gelegentlichen Momenten der heimatlichen Tristesse, der gähnenden Langeweile, der Resignation vor Augen hat; hier gibt es Penthäuser und spiegelnde Bürotürme, geruhsame, ausgedehnte Vororte, nächtliches Farbenspiel an blitzenden Fassaden, farbige und farbenfrohe Menschen, normale und verrückte; hier gibt es riesige Parks, Wellen, Strände und Berge, alles zusammen und alles auf einmal, traumhaft schön und lebendig und den Eindruck erweckend, als gäbe es nichts als Sommer und Wärme auf der Welt. Es ist ein Ort, dessen Ansichtskarten nichts als die reine Wahrheit verkünden.
Ich muss mir, um nicht die gute Laune zu verlieren angesichts der Tatsache, dass ich Vancouver morgen verlassen werde, vor Augen halten, dass es auch hier Regen gibt (und das im Winter mitunter wochenlang). Komm zu dir, Weitgereister, und erkenne, dass auch hier Menschen leben, die gemein, neidisch, hinterhältig oder schlicht dämlich sind; dass sich die Leute hier ebenso scheiden lassen oder Freundschaften zerstören wie anderswo, und dass es auch hier keinen ewigen Frühling gibt. Komm zu dir, Weitgereister, wirf einen Blick in die Dreckecken. Und memento mori - bedenke, dass deine Aufenthaltsgenehmigung in ein paar Wochen abläuft. Geh davon und sieh nicht zurück. Besser, du schaust frühzeitig nach günstigen Angeboten Berlin-Vancouver, Sommer 2003.
29. August 2002
_____________________________________________________________
"Die Wirklichkeit ist nie genug. Zauber tut not." (Hermann Hesse)
Bei dieser Kulisse würde selbst der guten Heidi die Sprache wegbleiben - aber man muss ja nicht immer allesEs ist sinnvoll, die Warnung des Benutzerhandbuches, den Tank des Wohnmobils niemals unter die Hälfte leer zu fahren, ernst zu nehmen. Die endlosen Bergketten, Wälder und Schluchten sind so lange romantisch, bis man, die schweißnassen Hände ums Steuer gekrampft, die Augen angstvoll zwischen der Tanknadel und dem Straßenrand auf der Suche nach einem entsprechenden Hinweisschild schweifen lassen muss. Das rollende Einraum-Appartement mit Rundum-Panoramablick schluckt bequem seine 23 Liter, und bei einem Automatikgetriebe sind zudem alle Spartricks, die sich ein Schaltwagen gefallen lässt, nicht anwendbar. Doch irgendwann findet sich in der Abgeschiedenheit eine nostalgische Tankstelle mit einem prall gefüllten Minimarkt, dessen "Open" rot und freundlich blinkt.
Selbstverständlich lernt man auf einer Tour wie der unseren nicht die tatsächliche Weite, die wahre Einsamkeit der unfassbar riesigen kanadischen Gebiete kennen, und mir bleibt unvorstellbar, wie man das verkraften sollte, wo einem doch schon jenes, was man auf den ausgefahrenen Touristenwegen zu sehen bekommt, buchstäblich die Sprache verschlägt. Europa wird immer kompakter, immer winziger, je länger man auf dem Highway 4 oder 19 unterwegs ist, und es erscheint mit jedem Kilometer, den man tiefer in die einsamen Wälder fährt, so unerträglich überfüllt wie der Regionalexpress Brandenburg-Frankfurt(Oder) zwischen vier und sieben nachmittags.
Wie in Mexiko, so wird auch das kanadisch-indianische Erbe für die Touristen aufpoliert - ein schöner Anblick ist es trotzdemEines aber hat Europa zu bieten, was es zur Heimat macht und was der ungebändigten Natur Kanadas fehlt: die aus Sagen und Märchen gewobene Seele. Kein frecher, nordischer Troll blinzelt hinter den Bäumen hervor, kein Schwarzwälder Glasmännlein treibt seinen gutmütigen Schabernack, auf den Wiesen und stillen Lichtungen tanzen nachts keine Elfen, und auch Rübezahl ist in der alten Welt, im Riesengebirge, geblieben. Die jahrtausendealten Gottheiten und Geister des indianischen Urvolkes haben sich mit ihren Schöpfern und Geschöpfen in die Reservate zurückgezogen und sind still geworden; die junge, ungestüme Menschenflut aus Asien und Europa aber hatte wohl zuviel an Mut, Hartnäckigkeit und Tatendrang im Gepäck, als dass für einige alte, verstaubte Phantasien Platz gewesen wäre.
Das heutige, seinen indianischen Wurzeln weitgehend beraubte Kanada ist zu jung und wurde zu spät geboren, um eine solche märchenhafte Seele eingehaucht zu bekommen. Die "zivilisierte" Menschheit war schon erwachsen, als sie dieses riesige Land in Besitz nahm und ist imstande, die phantastischen Launen und den Einfallsreichtum der Natur mit Worten wie Elektrizität, Chlorophyll oder Schwerkraft zu erklären. Für Feen und Kobolde ist in den Berechnungen und erst recht in der Statistik kein Platz. Kanadas Wildheit ist atemberaubend, aber nicht geheimnisvoll. Es macht sie nicht arm oder weniger wunderbar. Sie ist nur einsam.
04. September 2002
_____________________________________________________________
Einer der berühmten türkisfarbenen SeenWer glaubt, dass die zahlreichen, die wilde Fauna betreffenden Warn- und Hinweisschilder auf den Campingplätzen in den Nationalparks Jasper und Banff eine Laune der kanadischen Parkverwaltung sind, der irrt gewaltig.
Dass ich das drollige Eichhörnchen auf dem Tisch vor unserem Wohnmobil nicht mit selbst gekauften Nüssen füttere, versteht sich von selbst. Auch der Fuchs, der plötzlich aus dem Nichts auftaucht, den Grillplatz umrundet und wieder im Dickicht verschwindet, versetzt einen nicht unbedingt in Aufregung. Was aber tun, wenn plötzlich Hirsch Heinrich zur Frontscheibe hereinblinzelt und seinem Harem zuraunt, guckt mal, ein Schaukasten mit lebenden Touristen? Blitzschnell gehen den Insassen in einem bunten Reigen sämtliche Instruktionen durch den Kopf. Bär: Tot stellen. Nicht aggressiv sein. Wolf und Kojote: Aggressiv sein. NICHT tot stellen, sondern etwas tun, was einen größer wirken lässt ( Nun ja...). Parkverwalter: Um fünf Dollar zu sparen, behaupten, man hätte kein Grillfeuer an seinem Stellplatz gehabt, und die Asche sei vom Vorbenutzer. Aber Hirsch? Wo ist der Hirsch? In den Instruktionen gibt es keinen Hirsch. Es gibt ihn nur vor dem Wohnmobil. Ihn und viele andere Hirsche, sein ganzes Frauenvolk. Es steht um ihn herum und steckt kichernd die Köpfe zusammen. Schließlich wendet er sich ab, und die anderen folgen ihm in eleganten Sprüngen. Die lebenden Touristen atmen auf und sind um ein Erlebnis reicher.
Die Kanadier sind einfallsreich und gern mobilDas Wort "Erlebnis" eignet sich zur Beschreibung der Rocky Mountains im Übrigen wenig; "Unverschämtheit" trifft es besser. Was die Schöpferkraft hier im Laufe von Jahrmillionen an Gipfeln aufgetürmt, an dunkel raunenden Wäldern und türkis schimmernden Gletscherseen geschaffen hat, kann eigentlich nur dazu dienen, der Menschheit und ganz besonders Reisebuchautoren und Postkartenmotivfotografen ihr Unvermögen und ihre Nichtigkeit vor Augen zu halten. Die ganze gewaltige Gegend ist ein einziges hämisches Grinsen. Aber mehr noch ist sie unendliche Gnade, denn man hat ja Augen, um zu sehen, und Ohren, um zu lauschen, und einen Verstand, den man mit diesen Eindrücken umnebeln und außer Kraft setzen lassen kann. Letzterer hat zudem auch Grenzen, wie man mir sagte; die Seele aber erweist sich als mit erstaunlichem Fassungsvermögen ausgestattet. Jeder schneebedeckte Dreitausender und jeder Krümel Wapitikacke passt da hinein. Sieht fast so aus, als hätte da einer eine Menge Talent an den Tag gelegt.
Was habe ich sonst noch zu sagen zu Kanada, außer dass Benzin billig und das Brot miserabel ist und dass ich ihm nächste Woche den Rücken kehren werde? Gibt es überhaupt noch irgendetwas zu sagen? KFC und deutsche Mitbürger habe ich schließlich auch zu Hause. Die Rockies laufen nicht weg, und falls doch, so werfe ich sie mir an dunklen Winterabenden an die Wand. Und die Kanadier, die sind schließlich auch nur Menschen. Beneidenswerte allerdings.
Ich merke schon, es gibt doch noch eine Menge zu sagen. Und ich will schon zurück, da bin ich noch gar nicht weg. Aber wenn ich's recht bedenke, Frankfurt (Oder) ist gar nicht so arg weit weg von British Columbia. Zehn Stunden braucht man auch vom Alex bis Potsdam, wenn man läuft. Und die Gedanken sperrt bekanntlich keiner ein. Die brauchen nicht mal ein Flugticket.
11.09.02
Text und Fotos © Dorit Töpler