Anmerkung: Meine Reiseberichte beinhalten eher Eindrücke und Empfindungen als hilfreiche Tipps für andere Reisende. Texte im Stil von: "Am Dienstag standen wir um fünf auf und stiegen in den Reisebus, um in ... am ... den Sonnenaufgang anzusehen. Um sieben gab es Frühstück. Danach..." - und so weiter - solche Infos jedenfalls gibt es bei mir nicht, insofern sind die Berichte auch als Planungshilfe für eine Reise kaum geeignet. Sie sind eher... nun, leichte Lektüre. Oder so was. ;o)
Noch ein Wort zu den Fotos: Sie haben hier auf den Seiten nicht die beste Qualität. Sie wurden vom Dia eingescannt, was leider mit einem enormen Qualitätsverlust verbunden ist. Die Auflösung habe ich wegen der Ladezeiten möglichst klein gehalten.
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"Diese Stadt ist so groß und so schön, dass ich über sie nicht einmal die Hälfte sagen werde, was ich sagen könnte, und selbst dieses wenige ist fast unglaublich..." (Hernan Cortés, spanischer Konquistador)
Indígena-Junge auf dem Zócalo von Mexiko-StadtZwei Tage lang habe ich Zeit, das Chaos zu proben. Während Berlin in Eis und Schnee versinkt, riecht es zweieinhalb Stunden weiter nach Meer und Urlaub. Übernachten in Barcelona, umsteigen in Madrid, immer planlos, angewiesen auf die Hilfe anderer. Und schließlich sitze ich doch in dem Riesenvogel, der aufheulend einen langen Anlauf nimmt, um den Atlantik zu überqueren.
Eine Wolkendecke verhindert den Blick auf New York, über Atlanta gibt es Pasta und Dosenschinken, und auf der Höhe von New Orleans ist mir schlecht. Ich fühle mich von meiner ansonsten sehr stabilen Konsistenz verraten, aber mein Sitznachbar beruhigt mich. "Mieditis", meint er schmunzelnd. Lampenfieber.
Zwischendurch bitte ich die Stewardess auf spanisch um eine Tasse Tee und bilde mir ein, ich habe wer weiß was geleistet. In den Kopfhörern ist einer schon zum zweiten Mal "500 Meilen von zu Hause" weg, und irgendetwas rieselt durch mich hindurch, Vorfreude, Neugier, es lässt sich nicht definieren und treibt mir die Tränen in die Augen.
Dass mich am Flughafen in Mexiko Stadt niemand erwartet, bringt mich nicht sonderlich aus der Fassung. Es kann nicht alles glatt gehen. Ich sammle meine 25 Kilo Sommergarderobe zusammen und nehme ein Taxi.
Mexiko Stadt. Eine Einwohnerzahl, die selbst in ihrer offiziellen Fassung jede Schmerzgrenze sprengt, weltweit umschrieben als die Wiege des Chaos, als das Mekka der Kriminellen, als Dreckschleuder und Riesenslum - kurz, das Sodom der modernen Zivilisation. Ich weiß, wovon ich spreche, ich habe die Reiseführer gelesen. Keinem anderen Land der Welt gelingt es, auf einem Prozent der Landesfläche 20 Prozent seiner Bevölkerung und 50 Prozent seiner Industrie zu konzentrieren, teilweise 18.000 Menschen auf einem Quadratkilometer wohnen und 3,5 Millionen Autos, die keinen Katalysator kennen, im Dauerstau stehen zu lassen. Die auf den Ruinen der von den spanischen Konquistadoren dem Erdboden gleichgemachten einstmals glanzvollen Aztekenmetropole Tenochtitlán explodierende Stadt ist in jeder Hinsicht atemberaubend.
Doch was ich sehe, ist ein millionenfaches Lichtermeer, was ich einatme, nehme ich nach zwei Stunden als frische Luft wahr, und was ich empfinde, ist das Gefühl, bekannten Boden zu betreten. Die Gesichter, die Häuser, die Geräusche erinnern mich an Quito. Und trotzdem, mit Quito kein Vergleich, schon das Wort tut weh. Quito kann man reinstellen in Mexiko Stadt. Ungefähr 15 Mal.
Fünf Tage später habe ich Nasenbluten, Halsschmerzen und Durchfall überwunden und beginne mich zurechtzufinden. Ich kenne meine Wege im Hellen wie im Dunkeln genau, trage meinen Rucksack im Gedränge vor dem Bauch und bekomme keine Kopfschmerzen mehr von den ständig irgendwo jaulenden Alarmanlagen. Der Supermarkt um die Ecke mutet erschreckend europäisch an, fast bin ich enttäuscht, dass mich niemand zwingt, tacos und guacomole zu essen, bis ich umfalle. Kein Heimweh, keine Überforderung, nicht mal die Andeutung eines Kulturschocks.
Damit die Spannung erhalten bleibt, mache ich mir klar, dass meine Colonia San Rafael für die Ausmaße von Mexiko Stadt ungefähr soviel Bedeutung hat wie ein Quadrat auf der Seite eines Rechenheftes. Im Grunde rühre ich mich kaum von der Stelle, wenn ich eine Stunde unterwegs bin. Ich bin ein Wurm, der in einem Apfel herumkriecht und sich einbildet, die ganze Plantage zu kennen.
Nach drei Tagen Intensivkurs fülle ich ganze A4-Seiten mit spanischen Texten und werfe mit Subjekt- und Demonstrativpronomen um mich. In der Praxis, auf der Strasse, versage ich kläglich. Zu oft noch drängen sich englische Vokabeln vor. Morgen schon besser, sagt María in einer Mischung aus Englisch und Spanisch. And next week excelente, muy bien.
Nur nachts, manchmal, fühle ich mich allein. Wenn die Kolibris nicht mehr vor dem Fenster flirren, auf der Stelle schwebend und dabei so flink, dass man ihre Flügel nur mehr als einen Schatten wahrnimmt, wenn die Papageien Sara und Hugo ihre lautstarken Raufereien aufgegeben haben, wenn die capitalinos ihre Türen verriegeln und die calle covarrubias still wird, dann wünsche ich manchmal, die eine oder andere vertraute Stimme zu hören.
Denn vertraut, vertraut ist mir hier noch nichts. Noch bin ich dabei, Platz zu schaffen in meinem Herzen für diese Stadt, das "Megalopolis" der Extreme (noch immer lese ich Reiseführer). Vielleicht hat sie gar nicht vor, es mir so leicht zu machen.
01.03.01
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"Die Fiesta, von Blitzen des Wahnsinns durchzuckt, ist die glänzende Kehrseite unseres Schweigens, unserer Apathie, Zurückhaltung, Schroffheit." (Octavio Paz, "Im Labyrinth der Einsamkeit")
Gemalt wäre es Kitsch - so ist es bezaubernde Wirklichkeit
Ich habe sie gesehen, die "glänzende Kehrseite des Schweigens". In Coyoacán, dem Stadtteil, der neben San Angel zu den beliebtesten und teuersten gehört, erlebe ich den ersten Samstag im März, meinen ersten bewussten Samstag in Mexiko Stadt.
Palmen und immergrüne Laubbäume säumen die stillen, gepflegten Straßen und mildern durch ihr dichtes Blätterdach die brütende Mittagshitze. Über den hohen Mauern, die hier und da einen Blick auf die Häuser, die sich dahinter verbergen, freigeben, wuchern in fast unverschämter Üppigkeit in allen Farben blühende Sträucher. Schmiedeeisern und reich verziert sind die hohen Portale, schmiedeeisern die Fenstergitter und Balkonverkleidungen, und schmiedeeisern sind die grünen, schwarzen oder weißen verschnörkelten Bänke, die den Spaziergänger alle paar Schritte zum Rasten einladen.
Es ist Wochenende, Amigo, vergiss die Sorgen, die Armut, die Trauer; vergiss, was dich bedrückt und komm mit nach Coyoacán. Die Leierkästen dudeln, die Mariachis spielen auf, die Luft ist voll von Seifenblasen, Ballons und Gelächter. Alles ist möglich an diesem Frühlingstag, nur Trübsinn nicht. Kaufen Sie, Señorita, kaufen Sie eine silberne Kette, sie ist nirgends so günstig wie hier. Papá, bitte vier Peso für die Zuckerwatte - hier hast du zehn, und prügele dich nicht mit deiner Schwester. Ah, Señor, Sie auch wieder hier; natürlich, wie jedes Wochenende. Gehen wir doch ein calichal trinken, essen wir doch ein tamale, lassen wie doch die Señoras unter sich.
Träge verbringe ich den Samstag damit, durch die ruhigen Seitenstraßen und die von Clowns, Kindern, Verliebten und Verrückten wimmelnden Parks zu flanieren. Fast habe ich den Eindruck, als kämen die capitalinos überhaupt nur am Wochenende zu sich, dann aber richtig. Das Wochenende ist die Zeit der Siestas und Fiestas, die Zeit der Familie und des Aufatmens, und das im wörtlichen Sinne. Wem es irgend möglich ist, der wandert mit Kind und Kegel in die Vororte und die großen und kleinen Parks.
Coyoacán ist keine verbarrikadierte Trutzburg der Reichen. Hier leben, neben den Bessergestellten, die Künstler und Intellektuellen (und die, die es sich leisten können, sich als solche auszugeben). Hier, in dem kornblumenblauen Haus mit dem paradiesischen Garten, führten die Maler Frida Kahlo und Diego Rivera ihre turbulente Ehe. Der Gründer der roten Armee und Widersacher Stalins, Lew Davidowitsch Bronstein - oder sollte ich ihn besser bei seinem Decknamen Leo Trotzkij nennen? - verlebte hier in einem zur Festung umgebauten Haus sein Exil, bevor es einem fanatischen katalonischen Kommunisten 1940 gelang, ihn mittels eines Eispickels in den seligen Herrn Trotzkij zu verwandeln. Im Garten des Hauses ruht seine Asche nun unter roter Fahne samt Hammer und Sichel.
Mexiko ist das klassische Asylland Lateinamerikas. Anna Seghers, Ludwig Renn, Paul Westheim und Egon Erwin Kisch fanden hier, neben vielen anderen, Zuflucht vor den Nazis. Mexiko öffnete seine Tore für die Verfolgten von Pinochet und Franco, für die Wirtschaftsflüchtlinge aus Guatemala und El Salvador und für Revolutionäre aller Schattierungen. Das Land versteht es, die mit den asyl- und exilsuchenden Massen einströmenden Kultureinflüsse und die Intelligenz der anderswo politisch verfolgten Intellektuellen für sich zu nutzen.
Und hier, an diesem Samstag in Coyoacán, glaube ich auch einen der "Blitze des Wahnsinns" zu erkennen, die Octavio Paz beschreibt - nun, wenn auch nicht Wahnsinn, so doch ein Zeugnis tiefer Widersprüchlichkeit.
Die Mexikaner sind, was ihnen niemand verübeln sollte, ein recht aufmüpfiges Volk, und die Revolution von 1910-1920 steckt den Jungen wie den Alten bis in die Gegenwart im Geblüt. Allen voran forderten damals der Rebellenführer Emiliano Zapata und sein riesiges Bauernheer eine umfassende Enteignung und die Landrückgabe an die Dörfer. Die Reformvorschläge des Demokraten Madero reichten den Radikalen um Zapata nicht aus. Streitereien unter den einstmals verbündeten Rebellenführern Villa, Zapata, Orozco und Obrégon, die die Spaltung der Revolution zur Folge hatten, führten zur Anarchie und forderten in den Folgejahren rund eine Million Tote. Immerhin hatte dieser katastrophale Bürgerkrieg schließlich eine recht ansehnliche und gemäßigte Verfassung zur Folge.
Zapata war ein radikaler, aber, im Gegensatz zum Lebemann Villa, ein bescheidener Mann. Sein Andenken wird romantisch verklärt, die heute existierende illegale zapatistische Rebellenarmee mutiert zum Sammelbecken für Idole. Die Rebellen forderten in der Vergangenheit immer wieder mit schweren Aufständen die Anerkennung der Rechte und der Kultur der Indígenas. Erst unter dem jetzigen Präsidenten Vicente Fox ist eine gesetzliche Einigung, ja sogar ein Frieden in unmittelbare Nähe gerückt, ein Treffen mit Rebellenführer Marcos im Parlament steht am 12. März an. Ein Anlass, der, um ein grobes Verständnis für die Gefühlswallungen des Volkes zu vermitteln, vergleichbar ist mit dem Fall der Berliner Mauer - unvorstellbar, befreiend, gleich einer göttlichen Fügung. Zwar lehnt ein immenser Teil der Bevölkerung die kriegerische Selbstjustiz der Rebellen ab, dass aber die Indígenas nach wie vor der Fußabtreter der Nation sind, hat jeder vernünftig denkende Mexikaner begriffen, und so sieht man eben über die durch den Zweck geheiligten mehr als dubiosen Mittel großzügig hinweg. Nimmt es also wunder, dass der kleine Tisch mit Postern, Kassetten und Prospekten der Zapatisten hier im samstäglichen bunten Treiben Coyoacáns besonders dicht umlagert ist? In einem Land, dass seine ohnehin schon weitmaschigen Schienennetze nach und nach verkommen lässt, kann eben nicht jeder kleine Junge Lokführer werden wollen. Die Bewunderung für die charismatischen Rebellen treibt teilweise groteske Blüten. Ich sehe Fünfjährige mit schwarzen Luftballons, auf denen man - wie in einem vermummten Gesicht - ein paar Augen sieht. Manch einer der symbolischen Köpfe verträgt die Hitze nicht und platzt, und als Trost gibt es dann eben eine der handtellergroßen gehäkelten bunten Püppchen, die eine Pudelmütze auf dem Kopf und ein Maschinengewehr im Arm haben. Und natürlich wird Che Guevara nach allen Regeln der Kunst an den Haaren herbeigezogen - kein Plakat, kein Prospekt, das nicht seinen mahnenden Blick trägt; vielleicht, weil er auf diesen Schwarz-Weiß-Lithographien einen besseren Eindruck macht als der schnauzbärtige Zapata. Im Namen von Tierra y Libertad ist vieles möglich in Mexiko.
Als mich die Metro in den Dunst der abendlichen Stadt zurückbringt, habe ich das Gefühl, eine mentale Zeitreise zu beenden, die mich das Hier und Jetzt dieses aufregenden Landes wieder ein kleines Stückchen mehr begreifen lässt. Um einen solchen Schritt zu gehen, braucht es oftmals wochenlanges Studium. Manchmal aber genügt ein Samstag in Coyoacán.
07.03.01
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"Solange die Welt existiert, werden Ruhm und Glanz von México-Tenochtitlán kein Ende haben." (Memorias de Culhuacán)
Silberstädtchen Taxco in den Bergen - romantische Straßen und eine abenteuerliche Stromversorgung An pathetischen Worten hat es den Bewohnern dieses bezaubernden Landes zu keiner Zeit gefehlt, und so recht sie damit auch haben - zu obiger Hypothese gehört eine ordentliche Portion Optimismus. Man muss den Schöpfern dieser Worte zugute halten, dass sie sich zu einer Zeit in solch lobender Weise über diese Stadt äußerten, als die schlauen Spanier noch nicht damit begonnen hatten, den See, auf dessen Insel die damals neben Peking und London weltgrößte und glanzvollste Metropole, Tenochtitlán, erbaut wurde, trockenzulegen. Was die Azteken an Kanälen, Aquädukten und Dämmen erschaffen hatten, wurde von den Konquistadoren zugeschüttet, abgerissen und zerstört. Das heutige Mexiko Stadt steht im Begriff unterzugehen, und das aus (und auf) einem Grunde, der sumpfiger kaum sein kann. Jedes Jahr senkt sich die Stadt um runde 20 Zentimeter, natürlich aber nicht gleichmäßig, sondern hübsch unkoordiniert. Viele der prächtigen kolonialen Paläste und Kirchen haben sich ganz besonders eifrig um bis zu sechs Meter in den Untergrund davongemacht, stehen gehörig schief, bekommen Risse im Mauerwerk und verlangen nach komplizierter hydraulischer Absicherung. Es bleibt wohl offen, auf welche Weise die 25-Millionen-Metropole diesen schleichenden Kollaps in den Griff bekommen wird.
Ein weiteres interessantes Phänomen beschäftigt mich zurzeit mit dem Thema Politik. Subcomandante Marcos und seine Boygroup haben, beweihräuchert, verehrt und frenetisch gefeiert, Einzug gehalten in Mexiko Stadt. In der Tat, N‘Sync und Co könnten sich an dem werbewirksamen Auftritt der Rebellen eine dicke Scheibe abschneiden. Um die Publicity anzukurbeln, bräuchten sie sich demnächst nur mit Sturmmasken auf die Bühne zu stellen. Letztere jedenfalls gibt es heute, am 12. März, an jeder Ecke des von Zehntausenden frequentierten Platzes vor dem Parlament für ein paar Peso zu erstehen, dazu die passenden T-Shirts mit den Fotos des "Komitees" drauf. Eigentlich hätte auch ein Bild genügt, denn die Jungs tragen - erwähnte ich es schon? - allesamt Masken. Auch Frauen findet man übrigens in den Reihen der Comandantes, und das ist den Zapatisten, neben ihren durchaus vertretbaren Zielen, hoch anzurechnen, denn in diesem aufstrebenden Land begnügt sich der größte Teil der weiblichen Medienpräsenz noch immer damit, in diversen Seifenopern das Köpfchen aufschluchzend an die übersichtlich behaarte Brust von Jungunternehmer José oder Industriellensöhnchen Miguel sinken zu lassen.
Immerhin und bei aller Häme - eine gewisse Faszination der momentanen Geschehnisse kann ich mir nicht verhehlen. Die vor Begeisterung und Hitze dampfende Menschenmasse, die majestätisch heranrollenden Wagen der Rebellen, die aufblühenden und zutiefst von Hoffnung gezeichneten Gesichter der Indígenas um mich herum und die Pressekonferenzen mit den Unterhändlern lassen mich langsam begreifen, was dieser Marsch in die Hauptstadt und die Verhandlungen mit der Regierung für diese Menschen hier bedeuten. Die Regierung ist bereit einzulenken, und die Rebellen wiederum signalisieren ihre Bereitschaft, die Waffen niederzulegen. Ich begreife die gewaltige Bedeutung dieser Stunde durchaus, komme aber leider (oder glücklicherweise?) nicht umhin, mich mit weniger verklärten und lästerlichen Gedanken zu beschäftigen. Wovon, beispielsweise, lebt eigentlich ein Rebell, solange er Rebell ist? Oder besser noch: Wovon lebt er, wenn er kein Rebell mehr ist? Wenn man den (angeblich bestätigten) Gerüchten Glauben schenken darf, so handelt es sich beim berühmten und stets maskierten Subcomandante Marcos um einen Universitätsprofessor namens Sebastián Guillen Vicente, der zu allem Überfluss ein Weißer ist. Was hat der Mann vor, wenn alle Ziele tatsächlich erreicht werden sollten und er es nicht mehr nötig hat, vermummt durch den Dschungel von Chiapas zu strolchen? Wird er seinen Lehrstuhl an der UNAM entstauben und Klausurergebnisse ans Schwarze Brett hängen? Was fangen die zahlungskräftigen Sympathisanten im Ausland an, und an wen werden die USA ihre Waffen los, die in Mexiko dann niemand mehr haben will?
Nein, Freunde, der Weihnachtsmann ist ausgewandert. So sehr ich die Hoffnungen der seit Jahrhunderten unterdrückten Indígenas mittrage, so sehr zweifle ich auch an der Transparenz und an den Erfolgsaussichten der momentanen Verhandlungen. Nichts ist verlogener und undurchsichtiger als Friedenspolitik, und so bleibt mir wohl nur, das Geschehen als passiver Teilnehmer weiterhin zu beobachten und, wie der größte Teil des mexikanischen Volkes, meine Hoffnungen in Gebete für dieses Land zu packen, das alle Engel, Heiligen und himmlischen Heerscharen so dringend nötig hat.
"Das Volk" schreibt B. Traven im "Land des Frühlings", "das Volk sitzt zum Teil noch im Schlamm, den die unheilvolle Macht der Kirche und das unheilvolle Treiben verantwortungsloser, habgieriger und egoistischer politischer Abenteurer in diesem schönen, von der Natur so überreich gesegneten Lande hier zurückgelassen haben. Das Volk muss jetzt schwimmen, um sich zu retten und ans Ufer zu kommen."
14.03.01
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"Armes Mexiko, so fern von Gott und so nahe an den Vereinigten Staaten." (Porfirio Díaz, mexikanischer General und Diktator)
Indianische Brauchtümer werden gepflegt - wenn auch oft nur für die Kameras der TouristenIrgendjemand hat mir erzählt, in Mexiko trüge niemand Jeans. Ich weiß nicht, wer sich diesen Unfug ausgedacht hat, ich jedenfalls musste meine größenwahnsinnige Idee, in dieser Hinsicht als Trendsetter zu wirken, gleich nach den ersten paar Tagen aufgeben. Die Mexikaner tragen mit der gleichen Begeisterung Jeans wie der Rest der Welt auch, es existiert sogar, wenn auch in gemäßigter Form, die sexy Variante, den Hosenbund irgendwo auf Höhe der Kniekehlen fest zu tackern. Selbstverständlich präsentieren sich die Angestellten diverser öffentlicher Einrichtungen von morgens bis abends wie aus dem Ei gepellt und das Geheimnis, wie sie diesen Zustand einen ganzen schweißtreibenden Tag über beibehalten, für sich behaltend, aber auch hier hat sich oftmals die Idee des "Casual Friday", also eines kleiderordnungsfreien Tages pro Woche, durchgesetzt. Trotz allem gilt nach wie vor das legendäre Prinzip, dass Kleider Leute machen; kurze Hosen haben sich für die Damenwelt, von einigen erzkonservativen Bermudamodellen einmal abgesehen, noch nicht so recht durchgesetzt, und für das Tragen von kurzen Röcken war ich bisher noch nicht leichtsinnig genug. Schade eigentlich, dass ich den in dieser Hinsicht angenehmen Vorteil, hier völlig unbekannt zu sein, nicht so recht ausnutzen kann.
Damit aber lässt es sich leichter abfinden als mit der Tatsache, den sich oftmals recht schmerzhaft einbrennenden Stempel "Gringa" auf der weißen Haut zu tragen. Gringos, das sind die Bewohner der schillernden Städte nördlich der Grenze, dieses Volk, dass in den Augen jedes Mexikaners so unermesslich reich an Kapital und so bedauernswert arm an Kultur und Werten ist. Der Gringo ist der Big Brother, der die eine Hand nutzt, um angesichts der gewaltigen ökonomischen Abhängigkeit des Landes mahnend den Zeigefinger zu erheben, mit der zweiten damit beschäftigt ist, die illegalen Arbeiter auf die mexikanische Seite der Grenze zurückzuschieben, und mit der dritten verzeihend und väterlich auf die Schulter seines bitterarmen Nachbarvolkes klopft. Die Gringos haben einen bemerkenswert guten Geschäftssinn und ein auffallend schlechtes Gedächtnis, sie haben schon vergessen, dass sie dem Land im 19. Jahrhundert mit Kalifornien, Utah, Nevada, Colorado, Arizona, New Mexico und Texas rund die Hälfte des Territoriums abgeknöpft haben; die Gringos sind Objekt der Verachtung, der Begierde und des Neides, sind Verdammer und Erlöser, sind die Götzen, auf deren Anbetung man so gerne verzichten würde, wenn man nicht so abhängig von ihrer Gunst wäre...
Ich möchte keine Gringa sein, auch nicht in dieser weltoffenen Stadt mit ihren hervorragenden Jazzbands, Mc Donald´s und amerikanischen Kinohelden, und so betone ich - recht überheblich gegenüber den Nordamerikanern - oft genug, dass ich keine bin. Ich möchte nicht von wildfremden Leuten höflich gegrüßt werden, wenn ich spüre, dass ihre Freundlichkeit nicht mir, sondern meiner hellen Haut gilt, und manchmal möchte ich aufhören aufzufallen; ich möchte in der Masse untergehen und keine Blicke mehr auf mich lenken.
Und dann gibt es die, und das sind erstaunlich viele, deren Freundlichkeit ist nicht geheuchelt, deren Blicke zeugen von ehrlichem Interesse, und deren Neugier ist echt. Sie freuen sich, wenn sie "Alemania" hören, aber sie hätten auch gegen ein "Estados Unidos" nichts einzuwenden. Da ist das Paar, das das Internet-Café leitet, da ist die ältere, ärmlich gekleidete Frau in der Metro, der ich meinen Platz anbiete und die mir dafür lange die Hand drückt, da ist der junge, schwarzhaarige Indígena mit dem T-Shirt von "Goethes Erben" (wer hätte gedacht, dass sich die Jungs bis hierher herumsprechen?) - da sind alle die, deren Aufmerksamkeit ich wirklich genießen kann und derentwegen ich für meine Auffälligkeit dankbar bin. Und dann ist es wunderbar, weiß zu sein, und es macht Spaß, in lachende Gesichter zu sehen und zu wissen, in zehn Sekunden, gleich, jetzt kommt die erste Frage, die immer die gleiche ist, wo kommst du her, chica... Und am Sonntag, beim Spiel gegen Jamaica, werde ich mir einen Schal kaufen und lauter für Mexiko brüllen als der Rest der 100.000 Zuschauer. Schon jetzt erfüllt mich meine Anwesenheit in diesem Hexenkessel mit einer geradezu lüsternen Vorfreude, und ich hoffe mit jeder Faser meiner hoch entwickelten Fußballseele, dass die Tore nicht von den Bösen geschossen werden.
Mexiko muss gewinnen, es kann gar nicht anders sein, denn seit Wochen besiegt es mich pausenlos, gewinnt meine Zuneigung und mein Vertrauen (nein, es hat noch niemand versucht, mir meinen Rucksack zu entreißen), es arbeitet sich immer weiter in mein Bewusstsein hinein und beginnt, mir vertraut zu werden, endlich vertraut.
Was soll ich sagen zu diesem Blick vom Castello Chapultepec, zu den Jahrtausendalten Ruinenstätten von Teotihuacán, zu dem jeden Tag trotz Smog und Dreck postkartenblauen Himmel? Ich kenne doch nur einen winzigen, nichts sagenden Teil, und schon der erfüllt mich ganz und gar bis zum Überlaufen - was soll nur werden, wenn ich, in naher Zukunft, das ländliche Mexiko kennen lernen werde, und seine gigantischen Vulkane, und seine Strände, und das Meer?
22.03.01
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"Es ist ein Land, wo man alle Dinge und alle Weisheit der Welt ergründen kann." (B. Traven)
Fußballfanatiker sind die schicken Mexikaner alleEs gibt eine Menge Möglichkeiten, sich in Mexiko-Stadt zu amüsieren. Man kann, beispielsweise, in der Stosszeit zwischen sieben und acht Uhr morgens die Metro benutzen, in der man, von der Druckwelle einer mittleren Explosion hineinkatapultiert, irgendwo in der Mitte wie ein Schwertkämpfer ohne Schwert eingerammt stehen bleibt, die eigenen Hände in der Luft und fünf fremde am Hintern. Man kann sich, wenn einem danach zumute ist, mit einem befreundeten Polizisten unterhalten, um zu erfahren, welche Art, auf Nimmerwiedersehen von der Bildfläche zu verschwinden, im Moment gerade Mode ist (in der Regel genügen ein dummer Zufall und drei Dollar in der Tasche). Man kann sich am Taco-Stand zwei Straßen weiter für zehn Peso eine unterhaltsame Lebensmittelvergiftung einhandeln, man kann sich den ganzen Tag die mexikanischen Versionen von "Verbotene Liebe" oder "Unter Uns" antun - kurz, die Palette der Freizeitbeschäftigungen ist ebenso bizarr wie unterhaltsam.
Mexiko bezaubert mich immer wieder aufs Neue, und immer wieder bin ich auch bis ins Mark erschüttert. Manchmal, wenn mich, Respekt vor einer fremden Lebensweise hin oder her, Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit bis zur Weißglut reizen (und dabei habe ich gerade hier gelernt, viele Dinge um einiges gelassener anzugehen), oder wenn ich, da Ampeln und Verkehrsregeln anscheinend nur für die Deutschen erfunden wurden, gerade wieder knapp dem Tod durch Überfahren entrinne - in solchen Situationen jedenfalls bin ich, die helle Wut in den Adern, bereit, sie alle zu verachten und zu verabscheuen; die Drängler und Treter in der U-Bahn, die Starrer und die Grabscher, die gähnenden, selbstherrlichen Beamten, die aufdringlich bettelnden, verdreckten Straßenkinder, die angeblich so geschmackvoll gekleideten Mexikanerinnen mit ihren Lockenwicklern im grässlichen, aufgeplusterten Pony, die sie, trotz weißer Bluse und Bügelhose, nicht zu entfernen für nötig erachten, die PS-Rambos und die Dauerhuper; kurz, alle, die mir in solchen Momenten von der falschen Seite über den Weg laufen.
Gott, denkt der kultivierte Europäer, welch eine Unkultur, welch ein Stress. Nie werde ich begreifen, wie man mit einer solchen Lust am Lärm pausenlos hupend und drängelnd im Stau stehen kann, den mit Sicherheit nicht der Vordermann verschuldet hat, und wie man, schizophren bis zum Abwinken, mit der gleichen Portion Impertinenz wichtige Verabredungen einfach sausen und den Gesprächspartner warten lässt, auch wenn man in der Lage wäre, pünktlich zu sein. Die sprichwörtliche lateinamerikanische Besonnenheit, so konstatiere ich, ist eine Erfindung der Reiseliteratur; in der Realität existieren lediglich Dauerhektik und Unzuverlässigkeit, und ich versinke, Flüche über die mexikanische 0´8´15-Komm-ich-heut-nicht-komm-ich-morgen-Mentalität auf den Lippen, in hehres Selbstmitleid.
Ich sehne mich nach Ruhe, nach Ordnung, sie dürfen auch deutsch sein, nein, sie sollten es sogar, wie ich mir eingestehe - und ich finde sie tatsächlich, in einem Artikel über die peinliche Love-Parade-Affäre, über die sich mittlerweile die halbe Welt amüsiert. Deutschland hat es wieder einmal geschafft, sich zum Gespött zu machen mit seiner Gründlichkeit.
Anscheinend gibt es nur noch Verrückte auf der Welt, hier wie da, überlege ich resigniert, und mein Blick fällt auf einen Straßenstand mit Büchern. Che Guevaras Memoiren gibt es zu kaufen und Gandhis Weisheiten, wirksam präsentiert neben Goebbels Tagebuch und Hitlers "Mein Kampf". Aber auch von diesem Schock erhole ich mich, spätestens, als mich der Händler freundlich-ungläubig fragt, ob es in Deutschland tatsächlich so gefährlich sei, wie die Zeitungen immer behaupten. Nein, sage ich, nicht überall, nur im Osten, nur in Frankfurt (Oder). Düsseldorf ist sauber und schön...
Ich bin verrückt geworden, genau wie alle anderen. Zum Glück komme ich jetzt zu mir, auf einer Wiese im Alameda-Park, und erwache aus meinen philosophischen Anwandlungen. Der Tag ist warm, wie alle anderen, die Sonne lacht mich an, und ich lache zurück.
War dieser Tagtraum, der alle Ereignisse der letzten Zeit zu einem so schwer verdaulichen Cocktail mixte, der Kulturschock, auf den ich so lange gewartet habe? Schon möglich, ich weiß es nicht. Aber wo kämen wir hin, wenn uns nichts mehr aus der Fassung brächte? Welch ein Geschenk, staunen zu können, sich zu wundern, verärgert zu sein oder manchmal schockiert. Eine Kultur, die, ob deutsch oder mexikanisch, nicht zu überraschen vermag, ist wohl recht arm dran. Ich bin gewappnet für die nächsten Wochen, schauen wir mal, was es alles zu erleben gibt.
11.04.01
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"Hast du nicht alles, was du dir wünschst? Sieh, wie blau der Himmel ist. Sieh, wie schön es sich in einem Land ohne Winter lebt..."
(Angeles Mastretta, "Mexikanischer Tango")
In Puebla gibt es Porzellan nicht nur in der Küche, sondern auch in Kachelform an den FassadenNormalerweise sollte die Regenzeit nicht vor Ende Mai beginnen, sie tut es aber, allen Besserwissern zum Trotz, schon jetzt, und die Stadt, dieser Riesenmoloch, atmet regelrecht auf. Abends brechen die Wasser über sie herein, kündigen sich durch ein sanftes Grollen an, werfen einige dicke, warme Tropfen voraus, und zwanzig Minuten später schäumen die Straßenränder, und aus den durch Plastschläuche verlängerten Dachrinnen strömen fingerdicke Strahle. Diese Abende sind kalt, und die Feuchtigkeit dringt bis auf die Haut, durch die warme Wolljacke hindurch, die ich hervorgekramt habe.
Aber die Morgen sind sommernah; lau und frisch und dabei strahlend und so klar, dass ich Lust bekomme, die Blätter an den Bäumen um mich herum zu zählen. Hier sitze ich jeden Tag, auf dem springbrunnengeschmückten Vorplatz des Museums, verträume die letzte Viertelstunde vor Arbeitsbeginn und schaue den in der Sonne gleißenden blanken Flugzeugen hinterher, die dicht über dem Chapultepec-Park ihre Anflugkurve drehen. Aller drei Minuten schwebt so ein Vogel ein, und ihr Anblick spaltet meine Gefühlswelt in zwei unzuvereinbarende Teile. Manches Mal möchte ich schon gern in einem sitzen; da spüre ich, dass es schön wäre, jetzt heimzukehren, im wahrsten Sinne des Wortes auf und davon zu gehen, weil ich, schon allzu eingelebt in dieser Stadt, beginne Anker zu setzen, die bei einer Abreise schmerzhaft gelichtet werden müssen. Bequem wäre es durchaus, zu gehen, ohne eine Spur zu hinterlassen, menschlicher aber ist der Wunsch, doch in dem einen oder anderen Gedächtnis als Erinnerung zu verbleiben. Man muss gar kein wichtiger Gedanke sein, nicht alles beherrschend oder gar ständig präsent - aber angenehm, das ja. Und sobald man diesen Schritt gegangen ist, muss man auch die Wehmut des Abschieds in Kauf nehmen.
Ich bin in einer recht merkwürdigen Situation; mein Diktator ist die Zeit, die unbarmherzig verrinnt, die ich mir zu allem Übel auch noch selbst gesetzt habe und die, wie ich jetzt empfinde, zu lang ist für einen unauffälligen Spähflug, und zu kurz, um sich ganz auf die Menschen einlassen zu können, die mir täglich näher kommen. Und nicht nur die Zeit ist ein mächtiger Faktor; ebenso beeindruckend ist die Entfernung, die den Blick auf die Heimat schärft, auf die beständigen, echten Freundschaften, die - und dafür genügen manches mal drei Sätze - das Gemüt erhellen mit ihrer Herzlichkeit, und auf die, die sich überraschend gerade aus der räumlichen Trennung, durch eine neue Form der Kommunikation ergeben, und auch auf die, denen man, aus Naivität oder fehlender Menschenkenntnis, vorher wohl etwas zuviel Gewicht verliehen hat. Nicht nur die Fremde ist neu, wenn man reist, auch das Altvertraute bekommt ein neues Gesicht, und alles will überdacht und verarbeitet werden.
Es ist eine intensive Schule, die das Reisen mit sich bringt, und ich bin ihr nicht immer gewachsen. Aber das Glück, die Möglichkeit dazu zu haben, ist so unglaublich groß, und manchmal stelle ich mir vor, wie ein Globus wohl aussieht, der überall da, wo ich Menschen kenne oder kennen lernen werde, Lichter setzt. Eine verrückte Idee, dass da irgendwo Leute sind, denen ich eines Tages begegnen werde, ohne dass wir im Moment etwas davon ahnen. Was tun sie gerade, wie sehen sie aus, wie wichtig werden wir uns sein? Es hat keinen Sinn, darüber nachzugrübeln, aber schön ist es trotzdem, romantisch und auch ein bisschen unheimlich.
Wieder trübt sich der Himmel, dem ich gerade die letzten Sonnenstrahlen abgebettelt habe, und bald wird sich wieder der glasige Schleier über der Stadt ausbreiten, den Staub und den Dreck löschen und diese Sommergewitterluft nach sich ziehen. Wie schön dieses "Land ohne Winter" doch ist, und wie sehr ich doch trotzdem den Winter liebe. Mexiko wird niemals eine zweite Heimat für mich sein, dafür bin ich - in der Überzeugung, dass niemand diese Bemerkung fehl interpretiert - zu deutsch, zu sehr verwurzelt mit diesen mehr oder weniger reizlosen Städten, in denen ich mein bisheriges Dasein verlebt habe. Aber Mexiko ist meine Passion, ein Land, das ich in mein Herz geschlossen habe und das ich, aus dem einfachen Grunde, weil mir hier ein etwas längerer Aufenthalt vergönnt ist, mit seinen ganzen Eigenheiten in mir aufnehmen kann.
Es tut gut, hier zu sein, die kommenden Wochen zu genießen; und es wird gut tun, zu gehen, und, nach einiger Zeit, erneut zurückzukehren, im Bewusstsein, nicht mehr fremd zu sein.
28.04.01
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"... Dabei muss ich bei Hochzeiten immer lachen. Ich weiß ja, der ganze Aufwand läuft nur darauf hinaus, dass man den Wanst, der neben einem einschläft und aufwacht, im Alltag satt kriegt..." (Angeles Mastretta, "Mexikanischer Tango")
Schmiedeeiserne Kunstwerke sind in den Städten überall zu bewundernDer Nachteil der mexikanischen Männer ist, dass sie derart kraftvoll ihre Sympathie bekunden, als hätten sie gerade erst eben von der verbotenen Frucht des Baums der Erkenntnis genascht. Der Vorteil ist, dass sie immer alle Rechnungen bezahlen. Es wäre zu überlegen, ob man nicht die Emanzipation abschaffen und stattdessen diesen angenehmen Brauch in Deutschland rehabilitieren könnte. Wenn sich unsere Jungs dann noch die ausgefeilte Technik des Wangenküsschens und die Augenfarbe Marke "café oscuro" zulegen, rennen sie bei der Damenwelt mit Sicherheit offene Türen ein.
Der sprichwörtliche mexikanische "machismo" ist nicht spezifisch für den Menschenschlag auf mittel- und südamerikanischen Gebieten, er äußert sich nur anders als beispielsweise der deutscher Stammtischhelden. Während viele der bedauernswerten deutschen Männer diesem Hobby nur außer Haus ihrer überemanzipierten Lebensabschnittsgefährtinnen frönen dürfen, wird er hier nicht nur offen ausgelebt, sondern regelrecht erwartet. Er ist ein Teil der gesellschaftlichen Spielregeln, und die "caballeros" sind selbstbewusst und direkt in ihrer Umwerbungstechnik, dabei aber ausgesprochen zuvorkommend, und oftmals beherrschen sie die hohe alte Schule der Höflichkeit perfekt. Mexikanische Männer sind sich durchaus ihres besonderen Status als die "Herren der Schöpfung" bewusst, aber sie scheuen sich ebenso wenig - in Deutschland wohl eines "Macho" absolut unwürdig – in aller Öffentlichkeit zu weinen, ihre Gefühle mehr als deutlich zur Scheu zu stellen, sich - ganz der stolze Vater - mit ihren Kindern zu beschäftigen und ihre Frauen zu umsorgen. Nirgendwo auf dem kleinen Stückchen Welt, dass ich bisher kennen gelernt habe, sind mir so viele, von herumtollenden Kindern umgebene, sich zärtlich küssende jüngere und ältere Paare begegnet. Es ist nicht leicht, diesem scheinbaren Widerspruch ohne Vorurteile zu begegnen; ebenso suspekt erscheint bei näherer Betrachtung die Rolle der mexikanischen Frauen, die, wenn man sie erst durchschaut hat, das perfekte Beispiel für ausgelebte Schizophrenie darstellt.
Der wohl in der gesamten mexikanischen Gesellschaft höchste erreichbare Rang ist - nach den vorherigen Beschreibungen erwartungsgemäß - der der vielfachen Mutter, und die Familienväter werden nicht müde, ihren Frauen tatkräftig zu dieser Anerkennung zu verhelfen. Die Statistik, dass 40% der mexikanischen Bevölkerung jünger als 15 Jahre sind, spricht wohl für sich. Die Familie ist das Ein und Alles, und die Kinder sind der ganze Stolz (ausnahmsweise sind an diesem doch recht lobenswerten Zustand nicht nur der ausgeprägte Katholizismus, sondern in hohem Maße auch die bemitleidenswerten sozialen Verhältnisse schuld); und die beste Chance, es sich mit einem Mexikaner für immer zu verderben, ist die, seine Mutter oder die seiner Kinder zu beleidigen. Die Mutter ist die Frau in seinem Hause, die aufopfernde Behüterin, die hoch geachtete, unter Schmerzen gebärende Märtyrerin - und sie ist die Ehefrau, die stillschweigend akzeptiert, dass ihr Mann zu einer anderen geht.
Die "Andere" ist seine "chica" (die "Kleine"), seine Muse, seine Bestätigung; ihre Existenz ist ein offenes Geheimnis, das die Ehefrauen durchschauen und in ihrer Grausamkeit hinnehmen, weil sie sich trotzdem des Schutzes durch seine Familie und seiner Loyalität sicher sein können. Die Geliebte ist obligatorisch, aber eine Nebensache; nur sehr selten verlassen die Männer für sie Frau und Kinder.
In diesem Zusammenhang bin ich - auch bei intensivster Grübelei - mit der Beantwortung zweier hochinteressanter Fragen noch nicht zu Rande gekommen. Zum einen ist schleierhaft, wie dieser Zustand - nennen wir ihn etwas ungelenk "Ehebruch" - mit den ansonsten so verinnerlichten christlichen Werten vereinbar ist. Da haben wir wohl die Kapitel in der Bibel, in denen zu diesem Thema in der einen oder anderen Form Stellung bezogen wird, glatt übersehen. Zum anderen bleibt bei der Vermutung, dass - nehmen wir an - jeder zweite mexikanische Ehemann (und es sind mit Sicherheit mehr) fremdgeht, eine Rechnung mit einer Unbekannten X offen, denn bisher habe ich nur vernommen, dass die Männer sündigen, diese Aufreißer, diese Lüstlinge, diese Rüpel, während die Ehefrau zu Hause mit einem Auge auf die Kinderschar achtet und mit dem anderen zwei glatt zwei verkehrt strickt. Wo holen sie sich ihre Damen dann aber her? Natürlich herrscht auch in Mexiko, wie fast überall auf der Welt, ein gewisser Frauenüberschuss; trotzdem habe ich Probleme, diese kleine Rechnerei zu bewältigen. Das aber wäre nichts Neues, Mathematik war bekanntlich noch nie meine Stärke, und so ist es wohl besser, meine Überlegungen an dieser Stelle zu beenden...
21.05.01
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"... Reisen heißt, zurückkehren wollen; das Geringe schätzend zurückzukehren." (Verfasser unbekannt)
Einer der "Danzantes" in den Ruinen von Monte AlbánWenn man reist, kann man so einiges erleben, aber alle wie auch immer gearteten Mobilitäten haben eines gemeinsam: sie kosten Geld. Kein Problem zu Zeiten der Kreditkartenwunderwelt; man legt selbige auf den Tisch, lächelt freundlich, und schon ist man wer und überall drin und überall dabei, und man bekommt gar nicht mit, dass man überhaupt noch irgendwo bezahlen muss. Und hat so ein hinterwäldlerischer Hotel- oder Restaurantbesitzer die Sache mit dem Plastikgeld doch noch nicht ganz so für sich entdeckt, dann geht man eben zum nächst besten Kreditinstitut und holt sich ein paar Scheine aus der Wand. Feine Sache, sollte man meinen, aber man meint falsch, zumindest, wenn man über bestimmte Klauseln im Vertrag gleichgültig hinweg liest. Und ich dachte doch, was so klein geschrieben ist, kann nicht wichtig sein.
Jedenfalls habe ich drei volle Tage lang ausprobiert, was es für ein Gefühl ist, so ziemlich ohne einen Peso in der Tasche dazustehen, und wie ein Geldautomat aussieht, wenn er hämisch grinst. Es ist auch kein Spaß, seine wirklich allerletzte Barschaft auch noch für Telefonkarten auszugeben - andererseits hat es etwas, von einer Telefonzelle an einer Straßenecke mitten im mexikanischen Hinterland aus hysterisch einen völlig verdutzten Beamten der Riesaer Sparkasse voll zu schreien. Zum Glück hat Gott der Herr neben der Kreditkartengeißel auch noch das Internet und hilfsbereite Familienangehörige erfunden, und so blieb mir die Bekanntschaft mit dem mexikanischen Touri-Knast - von diesem komischen Billighotel in Acapulco mal abgesehen - doch noch erspart.
So habe ich, wenn ich zurückblicke, nicht viel versäumt und so ziemlich alles mitgenommen auf dieser Reise (das gilt auch für die Einkäufe, es hing mir ja keiner im Rücken, der nach einer halben Stunde weinerlich nach der Rückkehr in sein gemütliches Hotelzimmer verlangte), und das ist gut so, will man doch den Daheimgebliebenen was erzählen, wenn man die Dias präsentiert. Eine, mindestens eine, Rückkehr hierher brauche ich sowieso, ein solches Land verlässt man nicht für immer, und es gibt noch soviel zu entdecken.
Farbenprächtiger ÜberlebenskünstlerAber mittlerweile wird mir jetzt, fünf Tage vor der Rückreise, auch das gesunde Bedürfnis bewusst, zu hören, was die heimatliche Matratze so zu erzählen hat, und es ist an der Zeit, mal wieder Schöne und Mey zu lauschen, und zu lesen, was Hesse und Kishon zu sagen haben. Die Erdbeerzeit geht wohl auch los, es wäre jammerschade, wenn ich die verpasse. Und dann sind da die wirklich wichtigen Impressionen, die ich so sehr vermisst habe: Der Geruch deutscher Kneipenluft, der Klang einer gut organisierten Rückkopplung, der Geschmack von Kräuterquark mit Pellkartoffeln. Und auf die eine oder andere Klatschgeschichte bin ich auch gespannt, vielleicht gibt’s ja Lagerfeuerwurst und Tee inklusive, von den ausführlichen vernünftigen Gesprächen in trauter Zweisamkeit ganz zu schweigen. Und meine geliebte Platte, mein Frankfurt an der Oder, du hast ja keine Ahnung, wie sehr du mir gefehlt hast; dein CVJM war schon immer der originellste, und deine WGs waren schon immer die besten der Welt.
Wird Zeit, einzupacken. Wirklich.
10.06.01
Text und Fotos: Dorit Töpler