Polen

Masurischer Sommer

Schwer zu sagen, was mich bewogen hat, diesen Sommer zwei Wochen in Masuren zu verbringen. Zufall, Fügung, Intuition? Ich stehe eingepfercht im hoffnungslos überfüllten Zug von Poznan nach Olstzyn, im mentalen Reisegepäck notdürftig angelesene Fakten; ein paar Jahreszahlen, Tipps für Radwanderungen und ein kleiner Exkurs übers Wetter in Masuren. Kalte Winter, kurze Sommer. Vorbildung aus dem Reiseführer.

Ich weiß, dass ich nichts weiß. Das sei schon mal was, sagen die Philosophen. Aber die kannten mich noch nicht. Ahnungslosigkeit ist kein Begriff.

Nach wenigen Tagen bin ich voll gepumpt mit Eindrücken und Erlebnissen, schmerzlich und erheiternd, belehrend und überraschend. Was sind Zahlen und Statistiken angesichts dieser bezaubernden Natur und ihren gastfreundlichen und offenherzigen Menschen? Scheue Blicke, ein paar Worte über den Gartenzaun, auf polnisch oder, für mich unerwartet, oft auch auf deutsch. Die Störche klappern auf dem Dachfirst, eine Handvoll Augustäpfel fällt polternd ins Gras. Ob sie Lust hätten, uns etwas zu erzählen? Über das Leben hier? Über sich? Über ihre Geschichte? Unversehens findet man sich am wackligen Gartentisch wieder. Nicht immer, nicht überall. Aber oft. Manchmal wird man abgewiesen, ein wenig schrullig vielleicht oder misstrauisch. Keine Zeit jetzt, die Ernte ruft. Dann kommt man eben zwei Tage später wieder vorbei. Und hat vielleicht mehr Glück.

Schnell kommen sie ins plaudern. Was sie bewegt zu kommen und zu bleiben. Wie es sich hier lebt und wie es früher war. Alle haben sie ihre Geschichte, die Polen, die Deutschen und die Ukrainer, die Alten und die Jüngeren, die Unternehmer und die Bauern, die Heimwehtouristen, die Alteingesessenen und die Zugezogenen. Die Alten haben ihre Erinnerungen, die Jungen ihre Zukunft.

Verschont wird der romantisch verklärte Besucher nicht. Existenzängste, Einsamkeit und Missgunst existieren, vergiften das Miteinander hier genauso wie anderswo auf der Welt. Und die Leidenschaft ist die gleiche, und die Lebensfreude, die Kameradschaft und die unbändige Liebe zur Heimat. Die Zerrissenheit der Jungen zwischen den trostlosen Aussichten der Landwirtschaft im geliebten Heimatdorf und den Verlockungen der anonymen Stadt. Die einen gehen, die anderen treibt es her, und beide hoffen sie Erfüllung zu finden. Den einen gelingt es, den anderen nicht. Der Lauf der Dinge macht auch vor den zwischen Hügeln versteckten masurischen Dörfern nicht halt.

Und dann gehen die Gedanken zurück, offenbaren sich unglaubliche Biographien, zögerlich oder wortreich, je nach Veranlagung. Geschichten von Flucht und Vertreibung, von Hoffnungslosigkeit, Kriegstrauma und Verlust. Nahezu alle der Älteren haben diesen Wahnsinn durchgemacht. „Völkermord“, sagt einer, ein Deutscher, und meint nicht nur die Vertreibung der Deutschen. Die Erzählungen dieses unermesslichen Leids lassen mich nicht los, stehen im krassen Kontrast zu der friedlichen Idylle ringsum. Arno Surminskis „Jokehnen“ nimmt vor meinem geistigen Auge Gestalt an, lebt, existiert. Ralph Giordanos genialer und melancholischer Abschied von Ostpreußen, eingebunden in zwei Buchdeckel, beeindruckt mich mehr, als ich beschreiben kann. Lenz und Dönhoff schicken mich auf eine Zeitreise, in eine Vergangenheit, zu der ich keine wirklich persönliche Beziehung haben dürfte. Warum lässt sie mich trotzdem nicht los? Mir fehlen die Worte, um meine Empfindungen zu formulieren. Ein neuer Blickwinkel auf den Irrsinn der Weltkriege, auf die Verblendung und Vergewaltigung ganzer Generationen. Geschichte hautnah. Sie tut unglaublich weh.


Schon seit einer Stunde sitzen wir in diesem Garten, und ich kehre nur langsam zurück in die Realität. Und die Störche klappern noch immer auf dem Dachfirst, unbeeindruckt, gleichmütig. Auch die Menschen lassen sich heute wieder von anderen Dingen beeindrucken. Jahre und Jahrzehnte tilgen Bitterkeit und Rachlust, Hass und sinnlose Zerstörungswut. Frieden, dieses abstrakte Wort, nimmt hier ganz konkret Gestalt an.

Frieden, das ist der blaue Himmel über den sanft geschwungenen Kornfeldern von Rodowo; das ist der stille Lampasz mit seinen paddelnden deutschen Touristen (einem haben sie gerade das Auto aufgebrochen, und er ahnt es noch nicht), und das ist die freundliche Postbeamtin in Sorkwity, die sich mit meinen vielen Grußkarten abmüht. Aber Frieden, das sind auch die Landkarten mit ihren polnischen Städtenamen und die vielen erbarmungslos aneinander gereihten c, z und s der hiesigen Amtssprache, das sind die weiß-roten Flaggen am Rathaus und die „PL“s auf den Heckscheiben der Autos. Einige gibt es, hier und da, die das noch nicht begriffen haben.

Bevor wir den Garten verlassen, werden wir noch genötigt, ein paar Äpfel aufzusammeln. Den Tipp, doch mal bei Familie Soundso, zwei Häuser weiter, nachzufragen, gibt es gratis dazu. Langsam geht die Sonne unter, sehr klar an diesem Abend. Das heißt, es gibt morgen schönes Wetter.

(August 2000)

Text und Fotos © Dorit Töpler