Schweden

Reisetagebuch Schweden Juli 2003

Das vorliegende Reisetagebuch ist weniger eine Beschreibung der Naturschönheiten Schwedens als ein wissenschaftlich-psychotischer Schicksalsbericht einer jungen, ahnungslosen Studentin, die als Betreuerin auf einer Paddeltour für 14-18jährige Terroristen eingesetzt wurde. Wer noch nie was von Resozialisierung gehört hat, sollte so was ausprobieren - danach weiß er, um was es sich handelt (wobei man das "Re" eigentlich auch weglassen kann). Das Tagebuch ist zu Teilen nur Insidern verständlich, sollte aber auch außen stehenden Lesern eine Lehre sein.

Gewidmet ist der Text meinen geliebten "kleinen Großen" - den Teenis, mit denen ich durch alle Wasser gepaddelt bin, zu denen ich aufschauen durfte ;o) und die ich nie vergessen werde, selbst wenn ich es wollte. (Aber ich will ohnehin nicht.)

Dienstag, 15. Juli

Der Tag beginnt wie der erste Morgen nach dem Urknall. Das Chaos regiert, und der Geist Gottes schwebt über den Wassern. Sämtliche Mitarbeiter sind im Frankfurter CVJM damit beschäftigt, Tonnen, Taschen, Kisten und Kästen einzupacken, zu prüfen, auszupacken, umzupacken, herumzutragen, anderen in den Weg zu stellen, zu verstecken, zu stapeln, sich gegenseitig voll zu brüllen, die Nerven zu verlieren, keinen Plan zu haben, zu versichern, man hätte alles unter Kontrolle, und in den Bergen von Lebensmitteln zu versinken. Ab und zu flüchte ich aufs Klo - der einzige Platz, an dem man definitiv nicht gestört wird; an dem man sich entspannen und gemütlich den nächsten Atomkrieg abwarten kann. Und das alles findet statt, bevor auch nur der erste Teenie einen Fuß über die Schwelle setzt.

Dann, am frühen Nachmittag, sind sie da, die lieben Kleinen. Sie messen 1,80 Meter im Schatten und sind alle reizend anzusehen, wenn man den Kopf hebt (bin ich ja gewöhnt). 22 Produkte elterlicher Zuneigung und bodenlosen Leichtsinns. Unsere Jugend! Unsere Zukunft! Unsere ... - na schön. Die vorerst noch namenlose Zukunft wird in Kleinbusse gestapelt, solange wir sie noch unter Kontrolle haben. Die Karawane rumpelt los. Der Eisbär, Onkel Norbert, zwei Johanniter und ein schnaufender roter Mietwagen machen sich auf die Reise Richtung Norden.

Mittwoch, 16. Juli

Wir sammeln einen übernächtigten Haufen auf dem Parkdeck der Fähre zusammen. Bevor noch die ersten einen Satz darüber verlieren können, wie sie heldenhaft die Nacht zum Tag gemacht haben, kippen sie in ihre Sitze und schlafen, verrenkt und mit offenen Mündern, ein. In sämtlichen Autos (bis auf Onkel Norbert) herrscht Fahrerfrieden. Die Beifahrer machen Mätzchen, um die Leute hinterm Steuer wach und bei Laune zu halten. Schweden empfängt uns mit strahlendem Wetter.

Der Tag beginnt sechs Uhr morgens und endet - so scheint es mir - niemals. Das „Verschiebespielchen“ nach der Ankunft am Knotenpunkt zwischen Haus und Kanustart ist so ausgearbeitet, dass es funktionieren kann. Natürlich kann auch das eine oder andere schief gehen. So ist das Leben. Und so, wie ein Brot meistens auf die Seite mit der Butter fällt (der gute alte Murphy, ich könnte ihm in den Hintern treten), geht auch bei unserem Verschiebespielchen einiges schief. Der Start der Kanus verschiebt sich aufgrund logistischer Schwierigkeiten um einige Stunden in den frühen Abend hinein. Als ich endlich ins Kanu steige, bin ich froh - aber nur, weil ich noch nicht weiß, dass ich bis kurz vor Mitternacht nicht wieder raus gelassen werde.

Einige, unter anderem ich, haben in ihrem Leben kaum je ein Paddel gesehen, schweige denn in der Hand gehalten. Es geht schleichend vorwärts. Mücken und Sonne setzen mir zu. Tief liegende Äste halten die Boote auf, schlammige Zweige wischen über die Hosen. Ein Spatz sitzt im Gebüsch und lacht sich scheckig. Das erste Umtragen ist eine Erfahrung, das zweite eine Strafe, und alle folgenden lassen mich zum Roboter werden. Ich schwitze, klebe, kratze mich und dufte nach Freiheit und Abenteuern. Dabei gehöre ich noch zu denen, die am wenigsten schuften. Einige sind längst bis auf die Haut durchnässt. In meinem Boot sitzt einer der Helden des Tages (und dafür bekommt er am E-Zaun auch noch eine gewischt).

Bei völliger Dunkelheit wird das Lager auf einer Jauchewiese am schlammigen Fluss aufgeschlagen. Ich versuche, aus nichts etwas Essbares zu basteln. Die Butter ist in der Tonne geschmolzen. Ich sehe mich mit 22 Rebellen konfrontiert, die, hungrig, durstig, erschöpft und verschlammt, zur ernsten Gefahr werden. Ich stopfe jedem, der sich mir im Dunkeln nähert (und was anderes bleibt ihnen ja nicht übrig), Kartoffeln in den Mund. Erst mal müssen sie satt sein, denke ich. Hunger produziert Deserteure. Der Schlaf kommt dann schon von alleine. Unsere Essensplanung war durchaus angemessen. Nur lässt sich das Fassungsvermögen der Mägen von im Wachstum befindlichen Teenagern in keiner Statistik berechnen (hört doch einfach auf zu wachsen, um Himmels Willen).

Verdreckt, wie ich bin, krieche ich anschließend in den Schlafsack. Der Tag war empfundene 212 Stunden lang. Bevor mir die Augen zufallen, gehen mir sämtliche Flüche, die ich in meinem kurzen Leben je gehört habe, durch den Kopf. Auch eine Art des Nachtgebets. Im Zelt neben mir träumt einer lautstark von Fröschen.

Donnerstag, 17. Juli

Die ersten Sonnenstrahlen streicheln mich wach, streicheln meine verwundete Seele, streicheln die schwedische Kuhweide, die wir in ein Schlachtfeld verwandelt haben. Ich sammle meine Gliedmaßen zusammen. Immerhin, Licht weckt auch den Lebensgeist. Aus allen Ecken kommen sie gekrochen, angeschlagen zwar, aber noch lange nicht besiegt. Die Logistik läuft auf Hochtouren. Milch fehlt, dafür haben wir die Klettertonne. Fein, wirklich prima. Die Hausgruppe wird aus den Betten geklingelt und rückt an. Nach einem ausgiebigen Frühstück trollen sich alle in die Kanus. Ich tröste mich und andere mit dem Gedanken, dass es noch schlimmer nun wirklich kaum werden kann. Und ich behalte recht. Kann auch sein, dass es mir nach den Schrecknissen des vergangenen Tages nur so vorkommt. Jedenfalls landen wir nachmittags auf einer Insel inmitten eines riesigen Sees, und ich steige aus dem Boot und so wie ich bin ins Wasser. Samt Hose, Schuhen, Gesangbuch und Zylinder. So ungefähr muss sich das Paradies anfühlen. Als ich dann sauber, trocken, warm und satt am Lagerfeuer sitze, fühle ich mich, als könnte ich Bäume ausreißen. Ich lasse letzteres bleiben und kommandiere lieber ein bisschen herum. Du da, wasch die Töpfe ab. Ich bin überrascht, dass „du da“ tatsächlich macht, was ich sage, auch wenn er dafür die Skatkarten fallen lassen muss. Ach ja, ich bin ja Mitarbeiter. Ich habe nicht nur Verantwortung, sondern auch Macht. Großartig. Vielleicht sollte ich den Journalismus an den Nagel hängen und Teenie-Rumkommandierer werden. Ich bin in einer liebenden Stimmung und verteile Süßigkeiten. Langsam fange ich an, sie alle zu mögen, auch wenn ich die meisten Namen immer noch nicht weiß.

David muss getröstet werden. Er hat ständig Hunger.

Freitag, 18. Juli

Der Herr (also Wolfi) hat ein Einsehen und erklärt den Tag zum paddelfreien Kontinuum. Zeit, sich kennen zu lernen, Zeit, sich zu erholen. Die verträumte Insel wird zur Kloake. Wir haben den Leuten beigebracht, den Spaten mit in den Wald zu nehmen. Was sie dann dort allerdings damit anstellen, wird aus nahe liegenden Gründen nicht kontrolliert. Ich wandere für meine Geschäfte immer besonders weit vom Basislager weg. Es lohnt sich. Ich finde einen Ast, der sich zur Klobrille umfunktionieren lässt. Dort bin ich allein mit mir, der Natur, dem blauen Himmel und den Mücken. Einige der Teilnehmer benehmen sich vorbildlich und versuchen, so wenig Unrat wie möglich zu hinterlassen und ihn bei sich zu behalten, auch wenn es die Därme sprengt. Ich habe nicht soviel Umweltbewusstsein. Leider funktioniert meine Verdauung hervorragend, und ich denke nicht im Traum daran, mehr als meine 52 Kilo mit mir herumzutragen.

Meine Teenies überraschen mich. So viele kochwillige (und -begabte) Jungs habe ich selten um mich. Na bitte schön, wenn ihr die Zwiebeln schneiden wollt - ich habe nichts dagegen. Vielleicht liebt Gott mich ja doch mehr als andere. Jedenfalls erledigt sich die Kocherei auch ohne mein Zutun. Ich bin begeistert. Von wegen Lost Generation - wer so kocht, kann nicht ganz verdorben sein. Meine Sympathie verwandelt sich in reine und unverfälschte Nächstenliebe. Schokolade.

Samstag, 19. Juli

Heute müssen wir wieder in die Boote, aber wir sind ausgeruht und voller Tatendrang. Die Strecke ist mühsam und lang. Gute halbe Stunde noch, Kinder. Anderthalb Kilometer. Die ersten machen schlapp. Manchen sieht man die ehrliche Erschöpfung an. Anderen möchte man die Ruderkelle um die Ohren hauen, wenn man nur rankäme. Leider kapieren sie immer noch nicht, dass es nichts bringt, Teer in die Lunge zu kippen. Und einige paddeln, trotz eifrigen Zuredens, immer noch zu zweit auf einer Seite, fahren so im Zickzack und legen die ohnehin mörderisch lange Strecke nahezu dreifach zurück. Trotz Müdigkeit und Muskelkater entwickeln ein paar Besatzungen erstaunliches Temperament, was Kentern, Kreischen und Rumplanschen angeht. David und ich schließen Wetten ab, wer als nächster ins Wasser plumpst und wer mit wem und wie lange und warum und so weiter. Meistens gehen unsere Rechnungen auf. Teenies, das süße Ungeziefer.

Sonntag, 20. Juli

Unsere Truppe ist eine eingeschworene Gemeinschaft geworden. Die vorletzte Tour wird angegangen, und immer wieder bin ich begeistert von der Selbstverständlichkeit, mit der alle anpacken und helfen. Tolle Typen, alle miteinander, Männlein wie Weiblein. Man könnte sie alle knutschen, aber ich verteile doch lieber Schokolade, sonst gibt’s sicher Keile. Sie sollen ja nicht erschrecken, die lieben Kleinen.

Wieder wird eine Insel angesteuert, und nach anfänglichen Misserfolgen tut sich auch der ideale Rastplatz auf. Zum letzten Mal werden die Zelte aufgebaut, wird ein Lagerfeuer entzündet, brodelts im Einheitstopf. Ich werde wehmütig. Zivilisation, du hast uns bald wieder. Ich stelle fest, dass ich trotz aller Bequemlichkeit und meiner Vorliebe für heiße Vollbäder im Kerzenschein ein Naturkind geblieben bin, dass ich sehr wohl in der Lage bin, in der Wildnis zu überleben (vorausgesetzt, man hat mindestens einen Mann mit Ahnung vom Kartenlesen und Feueranzünden dabei) - und trotzdem, immer stärker wird die Vorfreude auf ein Wasserklosett, eine heiße Dusche und ein warmes, weiches Bett.

Um mir die Zeit zu vertreiben, schraube ich das 200mm- Objektiv an und fotografiere heimlich Leute, die sich unbeobachtet glauben.

Montag, 21. Juli

Die letzte Etappe wird planmäßig und geordnet angegangen und endet außerplanmäßig in einem Desaster. Anfänglich bin ich begeistert darüber, wie flott es vorwärts geht. Schließlich aber danke ich allen himmlischen Heerscharen, dass ich wieder im Lumpensammler-Boot sitze und demnach der Endlösung entgehe. Die Stromschnellen wickeln eines unserer Boote um einen Stein und schicken unsere Küchenutensilien in den Hades. Das ist dann wohl des Guten zuviel. Eine verblüffte schwedische Familie bekommt Besuch auf ihrem Grundstück, und unsere Teilnehmer beweisen wahre Opferbereitschaft. Sie murren kein bisschen, als wir verkünden, dass die Fahrt hier ein Ende findet. Sie sind wirklich verständnisvoll und artig, die lieben Kleinen. Wer hat sie nur so gut erzogen?

Wir deponieren Überlebende und Strandgut am Straßenrand und holen die Autos. Beziehungsweise, Wolfi holt ein Auto. Er setzt sich in Bewegung und bekommt soviel Schwung, dass er erst nach sieben Kilometern wieder anhalten kann. Er ist der ungekrönte König dieses Tages und steht in meinem geistigen Buch der Rekorde auf der Hitliste ganz oben.

Wir entern das Schwedenhaus, überrennen sämtliche Bewohner und stürmen die Duschen. In einem unbeobachteten Moment möchte ich den Boden küssen, ich hab’s ja nicht so weit. Aber ich komme nur bis zum nächsten Sessel, lasse mich fallen und stehe nie wieder auf.

Dienstag, 22. Juli

Genuss. Noch mehr Worte würden den Zauber dieses Tages zerstören.

Mittwoch, 23. Juli

Genuss. Noch immer und mehr. Die lieben Kleinen sind glücklich und noch immer hungrig. Obwohl es spätestens jetzt genug zu essen gibt, haben sie Angst vor dem Hungertod. Wenn noch mal jemand kommt und fragt, ob das alles sei und ob es auch reiche, werde ich ihn zum Resteessen verdonnern. Wer dann platzt, ist selber schuld.

Die Erwachsenen werden rausgeworfen. Ab jetzt herrscht in den urigen Hallen gänzlich Anarchie. Zeit, um mal die Beine hochzulegen oder sich den Luxus des Mittagsschlafes zu gönnen. Ohropax wird mein treuester Begleiter. Ich denke nicht daran, meine Nachtruhe mit Herumschnüffeln zu verderben. Ich vertraue auf die Vernunft aller Beteiligten. Die tun sicher nichts, was ich nicht auch ... - hoppla. Vielleicht sollte ich doch mal nachschauen. Erinnerungen an sämtliche Klassenfahrten und Freizeiten stürmen mein Kleinhirn, und noch sind sie zu frisch, um wirkungslos zu sein. Aber nein, es ist alles ruhig. Sicher liegen alle brav und zahm in ihren Betten (und zwar jeder in seinem eigenen). Die lieben Kleinen.

Donnerstag, 24. Juli

Das Ohropax hat sich in der Nacht verselbständigt. Aber selbst wenn es nicht so wäre, würde es spätestens jetzt herauskatapultiert. Zwei Meter unter mir wird der neue, jungfräuliche, eben erwachte Morgen mit dröhnenden Bässen exekutiert. Solche Bässe können durchaus was Erregendes haben, nur leider gibt es dazu auch Texte, beziehungsweise, eine Ansammlung dümmlichen, auf Bellen und Schwanzwedeln reduzierten Propagandamaterials. Die lieben Kleinen können keine Ruhe vertragen, und die lieben Kleinen machen das nicht etwa, um mich zu ärgern. Die glauben tatsächlich, das, was sie da hören, sei Musik. Sie sind felsenfest überzeugt, dass die Macher dieser kulturellen Apokalypse sich was dabei gedacht haben. Ich sammle mich und lege mir ein paar mahnende Worte zurecht. Dann fällt mir ein, dass auch in meinem CD-Schrank Heiteres bis Wolkiges Wetter herrscht und ab und an Ton und Steine zu Scherben werden. Na schön. Die Klassiker werden ohnehin ewig leben. Lassen wir den Krawallmachern ihren Spaß. Ich schließe die Augen und träume von Dvorak und Tschaikowsky.

Freitag, 25. Juli

Die Bässe sind unter uns. Beziehungsweise unter mir. Schon wieder. Immerhin, so sind sie wenigstens wach. Vor Daniels Wasserattacken haben sie alle Respekt. Der Tag vergeht in seliger Erholung und den üblichen Kämpfen. Unser täglich Brot gib uns heute, und weil du es uns nicht auf den Teller packst, müssen wir das selber tun. Unser täglich Brot lass uns hamstern... Ich rege mich nicht auf.

Diese Nacht habe ich keine Lust zu schlafen und verzichte deshalb aufs Ohropax. Ich bin überrascht, wie lebendig die lieben Kleinen auch zwei Uhr morgens noch sind. Und dann stelle ich fest, wie praktisch ein Zimmer mit Blick aufs Nachbarhaus ist. „Das Schlafzimmerfenster“ par excellence. Da gibt es die ein oder andere nette Episode zu beobachten. Eine der witzigsten ist die von zwei superschlauen Schlawinern, die sich zwischen zwei Kippen einen Spaß daraus machen, die an der Eingangstür befindliche Glocke zu betätigen. Es schallt und scheppert, natürlich ein Heidenspaß in tiefer Nacht, die beiden freuen sich diebisch, schauen links und rechts und sausen ins Haus. Auch ich freue mich diebisch. Die denken doch tatsächlich, niemand hätte es gesehen. Schlaft ruhig, ihr lieben Kleinen. Little Sister Is Watching You.

Schließlich wird mir der Krawall im eigenen Haus doch zu dumm, und ich mache kraft des mir verliehenen Amtes einen Rundgang. Wenn der auch sicher niemanden beeindruckt - wer kann schon Amors Pfeilen wirksamen Widerstand bieten - der Himmlische Frieden, der sich kurz darauf in den Räumen ausbreitet, war die Sache wert. Ich schlafe auch ohne Ohropax ein.

Samstag, 26. Juli

Urlaub, Frieden, Erholung, nachdem die Bässe unter mir verstummt sind. Einigen sieht man die nächtlichen Eskapaden an. Andere malen sie sich extra ins Gesicht. Grüß Gott, ich bin der Tod. Der Vorteil ist, dass manche allein durch ihre Düfte leicht zu orten sind. Finja und Luisa lernen auf dieser Freizeit eine Lektion fürs Leben - zumindest, dass der durchschnittliche Teenager, gleich welcher politischen oder weltanschaulichen Gesinnung (so er eine hat oder das, was er dafür hält, als solche bezeichnet werden kann), ein perfekter und liebevoller Babysitter ist. Wieder mal schmelze ich dahin. Die lieben Kleinen sind ganz schön klasse.

Sonntag, 27. Juli

Bässe und trübes Wetter. Auch gut. Am Abend gibt es Schlammfußball, und ich geselle mich dazu, um Unruhe zu stiften. Leider klappt das nicht so ganz. Verschlammt und bis auf die Haut durchnässt, sorge ich aber zumindest für Heiterkeit bei allen Beteiligten. Ich kann mir nicht helfen. Ich will gar nicht lustig sein, sondern souverän und autoritär. Und alle lachen über mich. Woran liegt das bloß?

Montag, 28. Juli

Bässe und trübes Wetter. Von mir aus. Beim Geländespiel im Wald sichere ich mir den Posten eines Aufpassers. Ich will mich nicht überanstrengen und stopfe mir statt Dessen den Bauch mit Blaubeeren voll. Bin ich gemein? Ich weiß nicht so recht. Hm. Nö. Eigentlich nicht.

Die Erwachsenen kommen von ihrer Tour zurück. Der Abschied naht. Es wird gepackt. Am liebsten würde ich dableiben. In Berlin erwartet mich doch nur ein riesengroßer Haufen Unannehmlichkeiten. Mir ist nicht so wirklich nach Abreise zumute.

Dienstag, 29. Juli

Die Bässe. Zum letzten mal. Verflixt auch. Der Tag wird stressig. Putzen, packen, Geldangelegenheiten klären. Schließlich rollt die Karawane wieder. Die Nacht auf der Fähre macht unsere Jungs zu Männern. Schulter an Schulter stellen sie sich dem Unrecht dieser Welt, und sie dürfen sich zu recht als Helden fühlen. Die Familien Raich und Schneewolf-Kubotsch werden besser bewacht und liebevoller umsorgt als die schwedischen Kronjuwelen. Das sind nicht mehr meine drolligen, knuddeligen, putzigen Teenies. Das sind echte Freunde. So ist das nun mal. Erst sind sie niedlich und klein, und im Handumdrehen werden sie erwachsen.

Mittwoch, 30 Juli

Wir haben sie alle abgegeben, die lieben kleinen Großen. Wir haben das Chaos beseitigt, so gut es ging. Ich falle in das nächst beste Bett, das des Weges daherkommt. Bis Berlin schaffe ich es nicht mehr.

Donnerstag, 31. Juli

Berlin. Ich gönne mir all das, was ich zwei Wochen lang schmerzlich vermisst habe: Gemütliches Essen ohne Verlustängste, ein Vollbad mit ausgiebiger Ganzkörperpflege, die Stimmen von Freunden am Telefon und eine Waschmaschine, die keine 2,50 Euro pro Ladung kostet. Ich versuche zu genießen, aber ich fühle mich doch nur einsam. Die lieben Kleinen fehlen mir ganz gewaltig. Wer hätte das gedacht. Ich muss mir nur immer wieder sagen, dass ICH ihnen bestimmt nicht fehle, und dann geht es wieder für ein paar Minuten besser. Der Alltag hat mich wieder, und er ist nicht spaßig, entpuppt sich sogar um ein ganzes Stück beschissener, als ich befürchtet hatte. Ich räume die Taschen aus. Sechs schwedische Kronen kullern auf die Dielen. Ich bin voller Dankbarkeit für diese beiden Wochen. Dann fallen mir meine Notizen in die Hände. Der Schlaf kann warten. Ich tippe mein Tagebuch ab - ein letzter Blick zurück.

Text und Fotos © Dorit Töpler