Endlich habe ich meinen Mann "rumgekriegt" - nämlich dazu, mit mir in Winterurlaub zu fahren. Er wird es nicht bereuen, denn als begeisterter Hobbyfotograf erwarten ihn tausend Winterwunder in den Schweizer Alpen. So kann er seine neue Kamera, das neue Makroobjektiv und den neuen Fotorucksack bis zum Umfallen ausprobieren. Ich reise wie immer analog durch die Gegend - immer noch fotografiere ich beharrlich Dias.
Gemeinsam mit sechs Freunden haben wir uns in Grindelwald im Berner Oberland für eine Woche ein Haus gemietet, das sich als kleine Villa entpuppt. Das Berner Oberland mit den Hinguckern Eiger, Mönch und Jungfrau hat nicht nur hervorragende Pisten für alle Ski- und Snowboardfreunde zu bieten, sondern auch ausgedehnte Wanderwege für Fußgänger wie Michael und mich. In dieser letzten Januarwoche 2009 ist nicht nur das Wetter grandios, es ist auch ungewöhnlich "still" für ein Wintersportgebiet mitten in der Saison. Die Lifte, Züge und Seilbahnen sind nicht überfüllt, die Wanderwege einsam, die Pisten überschaubar und die Schlittelwege kaum befahren. In jedem Bergrestaurant bekommt man auch bequem zu sechst einen Platz an Brüstung oder Fenster. Geschuldet ist dieser für uns erfreuliche Zustand der allgemeinen Stornierwut finanzkrisengeschädigter Touristen. Vor allem aus Russland und Asien sind, wie wir von Einheimischen erfahren, viele Absagen gekommen. Und so wird es nur äußerst selten mal richtig rappeldicke voll im Skibus.
Aus diesem Grund empfinden Michael und ich die Wunder der winterlichen Schweizer Natur nachgerade als Privatvergnügen. Diesen vereisten Wasserfall haben wir auf der Wanderstrecke von Wengen nach Lauterbrunnen begutachtet. Ganz klar, dass wir gleich ein paar fotografische Experimente durchgeführt haben. Ebenso ganz klar, wer fotografiert hat und wer mit dem Blitz hinter die Eiszapfen kriechen musste. ;-)
Dass Dorit gern große Männer küsst, ist allgemein bekannt. Muss wohl was kompensiert werden... Und mal ehrlich, der Typ ist cool, wenn auch ein wenig distanziert. Nun, das rechte Bild soll als Warnung verstanden werden, sich nicht immer gar zu unterkühlt zu geben. Das kann böse Folgen haben und mitunter Jahrtausende der Resozialisierung erfordern.
Na bitte, da wird einem doch gleich wärmer ums Herz. Allerdings - ganz so warm war uns nicht, als wir uns auf der Kleinen Scheidegg die Beine in den Bauch gestanden haben, um das Alpenglühen zu sehen. Der Anblick der entflammenden Berge aber war diese kleine Strapaze wert. Wenige Minuten nur dauert das Spektakel, dann versinken die Mehrtausender in tintigem Blau.
Die Wanderung von der Kleinen Scheidegg Richtung Grindelwald lohnt sich nicht nur wegen dem Ausblick auf die Eigernordwand, sondern auch wegen der vielen Kleinode am Wegesrand. Wenn man die Eigernordwand so sieht, fragt man sich übrigens, wie man darauf kommen kann, dieses Steilwandmonument erklimmen zu wollen. Aber die Geschmäcker sind ja verschieden. Wir sind eher von der gemütlichen Sorte und krabbeln am Fuße der Nordwand herum. Krabbeln kann man allerdings auch sehr ungemütlich, nämlich spätestens dann, wenn man sich einen Schlitten gemietet hat und sich das erste Mal aus einer Schneewehe herauswurschtelt.
An dieser Stelle bedarf es einiger grundlegender Erklärungen bezüglich dessen, was der Flachländer unter "Rodeln" und was der Schweizer unter "Schlitteln" versteht. Rodeln, nicht wahr, das ist, mit dem Schlachtruf "Bahn frei, Kartoffelbrei!" 35 Meter in Zimmermanns Loch in Röderau runterzugondeln und danach qualvoll die 35 Meter auf einer fünf Zentimeter dicken Schneeschicht wieder hochzustapfen. Schlitteln dagegen bedeutet, mit der Zahnradbahn eine halbe Stunde durch meterhohen Schnee aufwärts zu fahren und danach acht oder dreizehn Kilometer bergab zu... sich bergab zu begeben.
Es ist nämlich so, dass das Schlitteln für Ungeübte gar nicht so einfach ist, wie das Wort suggeriert. Sicher, man setzt sich auf den Schlitten drauf, sicher, man gewinnt allmählich an Fahrt, sicher, ab und zu gibt es kleine Steigungen, die man hinaufstapfen muss. Dann gibt es aber noch die Spitzkehren und die heimtückischen großen gelben Schilder, auf denen "SLOW - LANGSAM" steht. Dieses LANGSAM, das ich die ersten zwei-, dreimal noch für bahre Münze genommen habe, bedeutet nichts anderes, als dass danach ein Gefälle von wenigstens 45 Grad ansteht. Es versteht sich von selbst, dass man gar nicht so viele Hacken besitzt, wie man in den Boden rammen möchte, wenn es plötzlich mit beängstigender Schnelligkeit Richtung Abgrund geht. Auch versagen nach dem ersten Schreckensschrei Herz und Stimme. Wenn es passt, dann fliegt vor der panisch geweiteten Pupille des in einem Wirbel aus Schneestaub, Kufen, Gliedmaßen und gurgelnden Lauten befindlichen Flachländers auch noch ein Schild mit der Warnung "Piste kreuzt, Rücksicht nehmen!" vorbei. Nee, ist klar, so eine Kreuzung passt hier super hin. Und wenn man die heil überflogen hat, weil zumindest die Snowboardfahrer es verstehen, vor einem chaotisch talwärts rasenden Schlittenknatterrapeng elegant zu bremsen, steht eine spitze Kurve an, die man im Schneedunst gar leicht übersehen kann.
Zum Glück wird dort kein Schnee geräumt, und man fällt zwar tief, aber nur tief in den Schnee und purzelt nicht gar zu weit den Steilhang hinunter. Und wenn man sich dann aus seinem weißen Grab herausgepuhlt und den Schlitten wieder auf den Weg gebracht hat, erscheint todsicher ein Schild vor der nächsten Abzweigung der Schlittelpiste, auf dem freundlich gewarnt wird: "Ab hier sollten nur gute und geübte Fahrer schlitteln!" - Ach, ab hier also. Ach so. - Wir geben es zu: Wir haben NICHT ausprobiert, was die Schweizer unter "gut und geübt" verstehen.
Auf den Schreck hin machen wir doch gleich mal ein paar Faxen und nehmen uns selbst und unsere Brüder und Schwestern im Herrn augenzwinkernd auf die Schippe. "Hände runter, ihr tollen Charismatiker, wer alles einen Kaffee will!" (Das ist ein frommer Insider-Gag und muss nicht jeder verstehen - Dank an Adrian Plass für das Zitat.) Könnte natürlich auch ein Schlittenfahrer sein, der in den Schnee stürzt und hofft, dass er danach noch Odem hat. Wie auch immer, man kann nie tiefer fallen als in Gottes Hand. Und das beruhigt ungemein.
Apropos Gott - man kommt nicht umhin, ihn für seinen Einfallsreichtum und seine Schöpferkraft ziemlich zu mögen, wenn man seine kleinen und großen Wunder bestaunt. Michael hat ein Herz für die kleinen Dinge - er mag ja auch mich - und hat deshalb seine ersten Gehversuche mit dem Makroobjektiv unternommen. Ich als seine Frau himmle ihn selbstverständlich sowieso an, aber ich denke, auch der eine oder andere unvoreingenommene Hobbyfotograf dürfte die folgenden Aufnahmen nicht allzu übel finden.
Ja, ich weiß. Fantastisch. Aber der ist schon weg, den hab ich mir schon geholt. Samt Makroobjektiv. ;-) Hier gibt es noch ein paar schöne eisige Impressionen, bevor wir danach wieder etwas lustig werden.
Jetzt kommt's. Das Lustige. Man betrachte folgendes Bild, lasse den Blick über Höhenzüge und tiefe Täler schweifen und richte sein Augenmerk dann auf das Schild, das sich dort im eisigen Niemandsland fröstelnd an einer Klippe festhält:
Also, meine Damen: Keine Stöckelschuhe! Aber für alle Jungs, die jetzt grinsend ihr Ego streicheln - für euch gibt es auch ein Schild, und das sollte weitaus häufiger aufgehängt werden. Das gilt nicht für Gemsen. Die dürfen das. Auch die männlichen.
Mit ein paar letzten schönen Impressionen verabschieden wir uns aus unserem Winterurlaub. Es dürfte nicht allzu schwierig werden, Michael im nächsten Jahr wieder zu so einem Aufenthalt im Schnee zu begeistern.
Fotos © Michael Töpler
Text © Dorit Töpler