Singapur

Reisetagebuch Oktober 2005

Freundliche Parks mildern den krassen Eindruck einer Retortenstadt etwas ab.Freundliche Parks mildern den krassen Eindruck einer Retortenstadt etwas ab.
Singapur besitzt einen bezaubernden Orchideengarten. Auch für jemanden, der sich mit der Züchtung und dem Wert der einzelnen Sorten nicht auskennt, lohnt ein Besuch, denn es reicht ja auch, etwas einfach nur schön zu finden.Singapur besitzt einen bezaubernden Orchideengarten. Auch für jemanden, der sich mit der Züchtung und dem Wert der einzelnen Sorten nicht auskennt, lohnt ein Besuch, denn es reicht ja auch, etwas einfach nur schön zu finden.
Auch solche originellen Kreationen kann man dort bewundern.Auch solche originellen Kreationen kann man dort bewundern.
Hier geht's weniger appetitlich zu. Für den Gartenteich werden diese armen quakenden Gesellen jedenfalls nicht verkauft...Hier geht's weniger appetitlich zu. Für den Gartenteich werden diese armen quakenden Gesellen jedenfalls nicht verkauft...
Ob man hier etwas probieren möchte, sollte jeder selbst entscheiden. Das asiatische Essen soll ja an sich sehr lecker sein...Ob man hier etwas probieren möchte, sollte jeder selbst entscheiden. Das asiatische Essen soll ja an sich sehr lecker sein...
Altes sieht man in Singapur sehr selten. Diese antike Häuserzeile am Flussufer wird von den Wolkenkratzern fast erdrückt. Aber -  sie ist noch da!Altes sieht man in Singapur sehr selten. Diese antike Häuserzeile am Flussufer wird von den Wolkenkratzern fast erdrückt. Aber - sie ist noch da!
Ein Blick aus der Ferne lohnt immer.Ein Blick aus der Ferne lohnt immer.

In Singapur habe ich leider nur drei Tage verbracht, als Zwischenstopp auf unserer Reise nach Australien. Demzufolge kann ich diese Stadt und ihren Charakter natürlich nicht ernsthaft beurteilen. Wie ich das Wesen der Stadt empfand, habe ich trotzdem aufgeschrieben.

Elf Stunden Flug können mich nicht schrecken. Auch das Hühnchen mit Reis an Bord - so scharf gewürzt, dass es mich aus dem Sessel hebt - schockiert mich nicht. Die Formalitäten am Flughafen, das verwirrte Suchen nach Unterlagen, Gepäck und der richtigen Schlange, in die man sich einreihen muss - alles alte Hüte. Ein bisschen habe ich nur Bammel vor einer eventuellen Kontrolle meines Gepäcks. Denn ich habe Kaugummis dabei, und das ist streng verboten in Singapur, sowohl Einfuhr als auch Besitz. Wird man gar dabei erwischt, wie man eines der ausgekatschten Dinger auf die Straße spuckt, drohen Geldbußen, die einen schnell um tausende Dollar erleichtern können. Die Vorgeschichte dieses Verbotes ist angeblich, dass ein paar Jugendliche einstmals mit einem Kaugummi die Tür einer U-Bahn am Schließen gehindert haben. Daraufhin wurden sie eben verboten. Nicht die U-Bahnen, die Kaugummis natürlich.

Nun habe ich die Gums zwar nicht aus Spaß dabei, sondern gegen Reiseübelkeit. Das aber ist unerheblich, verboten ist verboten. Ich zittere mich durch die Kontrollen. Kein Mensch will mein Gepäck sehen. Auch gut. Wir landen mitsamt den Katschis in der schwülwarmen Dämmerung Singapurs.

Die Stadt hält, was die Berichte über sie versprechen. Straßen, Häuser und Autos blitzen und blinken. Die himmelhohe, gigantische Skyline wirkt in ihrer eisig erleuchteten Pracht wie das monströse Raumschiff von Aliens. Brücken und Straßengeländer sind von blühenden Orchideen umrankt. Der Straßenverkehr schiebt sich gesittet durch die Millionenstadt. Alles ist hier diszipliniert, sauber, geordnet und blank gewienert. Trotz der feuchten Hitze fröstelt mich. Ich sehe diese funkelnde, supermoderne Fassade, geschaffen durch Ehrgeiz, Fleiß, Selbstaufgabe und eiserne Disziplin. Und gleichzeitig denke ich an das totalitäre Regime, das diesen Stadtstaat regiert, an die Zensur der Presse, die unangemessen hohen Strafen für geringste Vergehen und das gruselige mittelalterliche Rechtssystem, das noch Hinrichtungen, Auspeitschungen und Stockhiebe kennt.

Das Regime versüßt seinen Bürgern allerdings die Tatsache der totalen Entmündigung. Sozialwohnungen haben - so wird uns stolz erklärt - sechs Zimmer und 100qm, es gibt Kindergeld, ein ausgezeichnetes Gesundheitssystem und 800.000 Gastarbeiter aus 180 Nationen, die die Dreckarbeit erledigen. Geradezu revolutionär ist die Art, wie auf die Multikultur der Bewohner eingegangen wird: Jede Religion durfte zwei ihrer Feiertage benennen, die dann zu staatlichen Feiertagen erklärt wurden. Niemand wird bevorteilt oder benachteiligt. Die verschiedenen Ethnien und Religionen existieren friedlich nebeneinander. Viele Singapurer sprechen schon als Kind vier Sprachen.

Und doch: Die Glitzermetropole wirkt trotz blühender Parks und freundlicher Menschen seltsam leblos. Die diziplinierte Einwohnerschaft Singapurs scheint ebenso blankpoliert wie die Fassaden der Banken und Bürotürme, in denen rund um die Uhr geschuftet wird. Spindeldürre Asiatinnen staksen aufgedonnert durch die Straßen, um in irgendeinem noblen Club die Nacht zum Tag zu machen. Denn der Club, eines der vier "C's", ist der Lebensinhalt der Singapurer. Die vier C's stehen für den exklusiven Club - je teuer die Mitgliedschaft, desto besser - die (C)Karriere, die (C)Kreditkarte und das Condo (Abkürzung für eine teure Wohnanlage mit Pool). Allerdings gibt es, so nehme ich an, auch Ausnahmen. In Chinatown oder dem indischen Viertel beispielsweise gehen die Uhren anders. Da liegt ab und an sogar ein Fetzen Abfallpapier auf der Straße. Für Singapurer Verhältnisse das blanke Chaos.

Wer nicht vom Rad steigt, zahlt 1000 Dollar Strafe.Wer nicht vom Rad steigt, zahlt 1000 Dollar Strafe.

Ich gestehe mir eine gewisse Faszination ein, wenn sie auch anders ist als in anderen Städten. Ihren Höhepunkt - im wahrsten Sinne des Wortes - erfährt sie am letzten Abend unseres Aufenthaltes. In Singapur nämlich steht das mit 73 Stockwerken augenblicklich höchste Hotel der Welt, und die Aussicht aus einem der Restaurants in den obersten Etagen preist jeder Reiseführer als Geheimtipp.

Es ist gar nicht so einfach, überhaupt erst einmal dahin zu kommen. Verschämt fragen wir uns bei den feinen Empfangsdamen und noblen Liftboys nach der Bar "Cityspace" durch. Als uns der Fahrstuhl endlich im 70. Stock ausspuckt, nimmt uns eine in ein rückenfreies schwarzes Nichts gehüllte Dame in Empfang. Ihr Lächeln ist ebenso eisig wie die Temperatur in der schummrigen, nach Zigarrenrauch duftenden Bar. (Die Singapurer müssen das ganze Jahr über feuchtheiße Temperaturen ertragen, demzufolge kühlen die Klimaanlagen das Innere der Gebäude auf unmenschliche Temperaturen herunter.) Die Front der Bar ist bis an die Decke verglast, und der Blick über die nächtliche Stadt ist spektakulär. In den gemütlichen Sesseln, der Fensterfront zugewandt, räkelt sich die Noblesse. Der eine oder andere streift uns mit herablassendem Blick. Wir passen hier mit unseren baumelnden Kameras, Plastetüten und gestreiften Hosen wunderbar rein. Die Platzanweiserin verweist uns in eine düstere Ecke, von der man mit etwas Mühe noch ein kleines Stueck der Glasscheibe sehen kann. Eine Sängerin haucht zu Klavierklängen sanfte Lieder. Wir bestellen etwas Unverfängliches zu trinken und hoffen, dass es genießbar ist. Ich friere in meinem ärmellosen Top. Ab und an recken wir die Hälse, um doch noch einen Blick auf die Stadt zu erhaschen. Ich stelle fest, dass meine Welt eine andere ist. Wenn ich mal reich und berühmt bin, werde ich bestimmt nicht in irgendwelchen Schickimicki-Bars rumsitzen, schon gar nicht, wenn dauernd irgendwelche billig gekleideten Touristen reinplatzen.

Singapur ist einen Besuch wert. Eine Stadt zum Leben ist es – für mich – nicht.

Text und Fotos © Dorit Müller